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Kommentare

Kommentar: Kleine Philosophie des Aufbruchs

Das neue Jahr hat begonnen. Zeit für gute Vorsätze. Aber die zu fassen, ist schwierig, meint Kersten Knipp. Denn die alten Grundsätze passen nicht mehr in die neue Zeit. Immerhin eines hilft: die Kunst der Nüchternheit.

Das neue Jahr ist da, und allein das ist erfreulich. Denn das heißt, das alte Jahr ist endlich vorüber - ein überaus unangenehmes, verstörendes Jahr. In Erinnerung wird es trotzdem bleiben: als jenes, in dem die Dinge ihre Konturen verloren, sich mit den gewohnten Kriterien kaum mehr messen ließen.

Die Griechenlandrettung etwa: ein Akt europäischer Solidarität oder schlichter Unwille, Abschied von einer Illusion zu nehmen? Oder das billige EZB-Geld: tollkühne Rettungsaktion für darbende Volkswirtschaften oder kühle Gleichgültigkeit gegenüber den Zukunftsplänen von Millionen EU-Bürgern? Alles, so scheint es, hat mit einem Mal mindestens zwei Seiten. Die Kriterien sind ins Rutschen gekommen.

Das gilt auch und vor allem für die neue Masseneinwanderung nach Deutschland: Ist sie Ausdruck nie gekannter Großzügigkeit? Oder aber eklatanten Staatsversagens an den Außengrenzen, denen des Landes ebenso wie denen der EU?

Unbrauchbare Forderungen grimmiger Nostalgiker

Vieles ist unklar. Was ist etwa von denen zu halten, die auf die Zuwanderung vor dem Krieg fliehender Menschen mit neuen Grenzen reagieren wollen, physischen ebenso wie ideologischen? Sind sie die Avantgarde der Skeptiker? Oder nicht eher Reaktionäre, für die der Begriff "Skepsis", also der Rückgriff auf die kritische Vernunft, eine viel zu vornehme Bezeichnung ist?

Der Blick auf Pegida und einige nationalistisch gestimmte Staatenlenker in Osteuropa legt diesen Eindruck nahe. Hier sind grimmige Nostalgiker am Werk, Propagandisten der ethnisch homogenen Nation. Was sie anbieten, sorgte, würde es umgesetzt, für erheblichen bis grenzenlosen Schrecken. Das freilich weiß man nirgends besser als in Deutschland.

Knipp Kersten (Foto: DW)

DW-Autor Kersten Knipp

Über das, was die Zuwanderer im Kopf und im Herzen tragen, weiß man dagegen noch nicht allzu viel. Immerhin stammen die meisten von ihnen aus einer Weltregion, die aus Sicht der westlichen Nachbarn ein gewöhnungsbedürftiges Merkmal aufweist: Viele Menschen des Nahen Ostens haben ein gesteigertes Verhältnis zur Religion, durchaus auch als Richtschnur gesellschaftlicher Ordnung verstanden. Wie wird sich das in der neuen Heimat Deutschland auswirken? Als beneidenswerte Glaubensstärke? Oder als Quelle kultureller Reizbarkeit? Vermutlich wird beides zum Tragen kommen - Menschen sind in der Summe eben bunt.

Ständisches und Stehendes

Den neuen Herausforderungen wollen die Deutschen sich stellen, jeder und jede auf seine und ihre Weise. Dabei ist die Aufbruchstimmung zum Jahresbeginn in gewisser Weise eine Wette gegen alle Vernunft. Denn viel Anlass zum Optimismus gibt es nicht. Wenn nämlich, wie man seit rund anderthalb Jahrhunderten weiß, alles Ständische und Stehende verdampft und alles Heilige entweiht ist, dann ist es ziemlich schwierig, Leitsätze für gutes Handeln zu finden.

Das gilt auch und vor allem für die Politik. Die wunderbar feste Ordnung alter Zeiten ist vorbei. Hier die Linke, dort die Rechte; auf der einen Seite die Bilderstürmer, ihnen gegenüber die Hüter der Überlieferung - dergleichen gibt es nicht mehr. Damit sind auch die Zeiten vorüber, als sich unter Rückgriff auf eherne politische Programme auch mal Unpopuläres durchsetzen ließ. Seitdem reagiert die Politik auf Zuruf. Anything goes, das geht zwar immer noch nicht. Aber die Positionen sind flexibel geworden bis zur Unkenntlichkeit. Und die Parteien stolpern vor sich hin. Sie sind derart unentschlossen, dass etwa die derzeitige Koalition in Deutschland längst alles ist: Regierung und Opposition in einem.

Die Eine-Millionen-Euro-Frage

Wie sich in einer solchen Situation der Aufbruch gestalten lässt, das ist die Eine-Million-Euro-Frage, wohl nicht nur des gerade angebrochenen Jahres. So aufregend es die letzten zwei, drei Jahrhunderte über war, die Ideologien - die weltlichen ebenso wie die religiösen - vom Sockel zu reißen: Was an deren Stelle treten soll, weiß niemand. Die Nullzinspolitik, mit der die Europäische Zentralbank derzeit Millionen europäische Unionsbürger in Verlegenheit bringt, ist ein hübsches Symbol, auch für die Schwierigkeiten der ideologischen und politischen Zukunftssteuerung: Wie eigentlich soll man kommende Zeiten gestalten, wenn alle Rücklagen absehbar entwertet sind? Was, wenn man gezwungen ist, in immer kürzeren Intervallen zu denken, sich die Perspektive dramatisch verkürzt?

Unter solchen Bedingungen nimmt sich der Aufbruch ins neue Jahr ausgesprochen nüchtern aus. Er ist darum vielleicht auch durchaus aufregend. Denn das Einzige, was offenbar noch irgendeinen Sinn macht, sind Nüchternheit und Selbstbescheidung. Die sorglosen Zeiten sind vorbei, bequeme Wege gibt es nicht mehr - ideologisch nicht und materiell erst recht nicht. Zuwanderung ist weder weltanschaulich noch ökonomisch zum Nulltarif zu haben. Um sich darauf einzustellen, braucht es keinen Pathos. Es reicht, die neuen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen.

Man kann jetzt schon sagen, dass sie hinreichenden Druck aufbauen werden - auf die einen, was das Einkommen vor Steuern betrifft, und auf die anderen, was die göttliche Bank im Himmel angeht. Auch diese dürfte, unter dem Druck marktgetriebener Verhältnisse, in Zukunft weniger Zeit für Einzahlungen in Form von Gebeten, Segenswünschen, Lobpreisungen verbuchen. So wird das neue Jahr eine Einübung in Nüchternheit sein. Wenn die gelänge, wäre das ein Zauber, der in diesem Fall längst nicht nur dem Anfang innewohnt.

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