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Kommentare

Kommentar: Kims verpasste Chance

Nordkoreas Machthaber hätte beim ersten Parteikongress seit 36 Jahren einen Richtungswechsel einleiten müssen, um das Land aus der selbstverschuldeten Isolation zu führen, meint Alexander Freund in seinem Kommentar.

"Willst du den Charakter eines Menschen kennenlernen, so gib ihm Macht", sagte einmal Abraham Lincoln. Mit der ungeheuren Machtfülle konnte der jüngste Spross des nordkoreanischen Kim-Klans allerdings in den letzten vier Jahren nicht viel Gescheites anfangen. Seinen Machtanspruch mag er gefestigt haben, indem er die Gegner in Partei und Militär systematisch ausschaltete und mit angeblichen Atombomben und mit nur zum Teil erfolgreichen Raketentests Entschlossenheit demonstrierte. Aber sein Land hat Kim Jong Un nur weiter an den Abgrund gebracht.

Ein Fünkchen Hoffnung gab es zwar zum ersten Parteikongress seit 36 Jahren. Eine "bedeutsame und wichtige Erklärung" Kims war im Vorfeld angekündigt worden. Ganz staatsmännisch verkündete der junge Diktator dann auch auf großer Bühne, dass Nordkorea seine Atomwaffen nur defensiv einsetzen und die atomare Abrüstung weltweit voranbringen wolle. Das mag für die Weltgemeinschaft beruhigend klingen, aber letztlich ist es nur der erneute Versuch, Nordkorea als vollwertige Atommacht darzustellen. Parallel wolle der "verantwortungsvolle Atomwaffenstaat" die wirtschaftliche Entwicklung "nachhaltig verbessern". Auch das klingt erst mal ganz vernünftig, ist aber wohl eher als Versuch zu werten, trotz der strengen Sanktionen die Bevölkerung und vor allem die Funktionsträger bei Laune zu halten. Die neugebauten Vergnügungsparks reichen den darbenden Untertanen offenbar nicht mehr.

Zuckerbrot und Peitsche

Wirklich überraschend beim Parteikongress war lediglich Kims Ankündigung, dass Nordkorea sich um eine Verbesserung der Beziehungen zu bislang als "feindlich" angesehenen Ländern bemühen wolle. Vertrauensbildende Gespräche mit dem südkoreanischen Bruderstaat wären zumindest ein Anfang, auch wenn die versöhnlicheren Töne wohl primär an die künftige südkoreanische Regierung gerichtet sind, die vermutlich kompromissbereiter ist als die konservative Präsidentin Park.

Durch die Einberufung des ersten Parteikongresses seit 36 Jahren hatte Kim Jong Un die historische Chance, Nordkorea behutsam ins 21. Jahrhundert zu führen. Der heute 33-Jährige ist ja schließlich in der Schweiz zur Schule gegangen und kennt die Welt außerhalb des isolierten Staates. Er hätte beim Parteikongress die alten Köpfe gegen loyale Gefolgsleute auswechseln und einen Richtungswandel einläuten sollen. Dank des Personenkults um die Familie Kim hätte er die Weichen für eine schrittweise Öffnung nach chinesischem Vorbild stellen müssen, in dem die Einheitspartei - und nicht das Militär - alle Fäden in der Hand hält und in dem es wirtschaftlich voran geht. Dazu aber muss Nordkorea gänzlich auf seine aggressiven Drohgebärden verzichten. Nur so kann Kim Jong Un den von niemandem herbeigesehnten Zusammenbruch des Staates abwenden, die Isolation beenden und einen zukunftsfähigeren Staat aufbauen. Aber diese historische Chance hat Kim Jong Un verpasst. Ihm fehlte offenkundig der Wille - oder aber die nötige Durchsetzungskraft.

Selbstgewählte Isolation

Stattdessen driftet Nordkorea tiefer in die Isolation. Seinen letzten Verbündeten China hat Pjöngjang mit einem angeblichen Atomtest und Raketenübungen brüskiert und der große Bruder trägt diesmal die strengen Sanktionen der Internationalen Staatengemeinschaft mit. Seitdem ist die Versorgung mit jederlei Waren und die Ausfuhr von nordkoreanischen Bodenschätzen vollständig zum Erliegen gekommen. Damit verliert der Staatsapparat die meisten Deviseneinnahmen, die Pjöngjang nicht nur für sein Nuklear- und Raketenprogramm dringend benötigt. Zusätzlich hat sich Südkorea zu Recht aus der gemeinsamen Sonderwirtschaftszone Kaesong zurückgezogen. Der angestrebte Wandel durch Handel nach deutschem Vorbild mag zwar wünschenswert sein, aber eben nicht zu jedem Preis.

Alexander Freund, Leiter der DW-Hauptabteilung Asien (Foto:DW)

Alexander Freund, Leiter der DW-Hauptabteilung Asien

Sicherlich wäre es ein Fehler, Nordkorea und die Familie Kim zu unterschätzen, weil Staat und Regime leidensfähig und skrupellos genug sind, wenn es um das eigene Fortbestehen geht. Gleichzeitig aber darf man Nordkorea und die Familie Kim auch nicht überschätzen. Die Sanktionen greifen und Nordkorea steht mit dem Rücken zur Wand. Vorsorglich hat das Regime die Bevölkerung bereits auf weitere Entbehrungen eingestimmt. Sogar vom "Schweren Marsch" ist wieder die Rede, ein furchtbarer Euphemismus, mit dem die verheerenden Hungersnöte Ende der 1990er Jahre umschrieben wurden. Das Regime hätte beim Parteikongress umsteuern müssen. Aber der junge Führer ist trotz aller Machtfülle offenkundig nur ein handlungsunfähiger Gefangener eines anachronistischen Systems.

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