Kommentar: Keiner spielt mit Angela! | Kommentare | DW | 16.01.2018
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Standpunkt

Kommentar: Keiner spielt mit Angela!

Dass nun wieder alle auf der SPD herumhacken! Dabei sind die armen Sozis doch überfordert damit, das Land zu führen, meint Marko Langer. Das ist auch Aufgabe von Angela Merkel. Doch die hat ein Problem: keine Mehrheit!

Kann man in diesen Tagen allen Ernstes eine Liebeserklärung an die Sozialdemokraten schreiben? An diese arme, gebeutelte, gerupfte, von Minusrekord zu Minusrekord eilende SPD? An diese Truppe, in der die Linke nicht weiß, was die Rechte gerade denkt? Kann man wirklich sagen, dass man es großartig findet, was zum Beispiel der Vorsitzende der Jungsozialisten oder all die anderen Genossen anstellen, die keinen Bock mehr auf "GroKo" haben und somit das Gegenteil dessen wollen, was ihr Chef will?

Ich kann! Vielleicht ist es meine Liebe zum Widerspruch, zur Opposition. Ich finde es großartig, was sich gerade in der SPD tut. Nix "Ordre du Mufti", nirgends. Ich gebe zu: Jedes Unternehmen würde sein Geschäft direkt an die Wand fahren, wenn alle machten, was sie wollten. Das ist Anarchie! Herrlich!

Auf der anderen Seite sitzt in diesem großen Haus (genannt Bundeskanzleramt) mit der Adresse Willy-Brandt-Straße 1 (das war übrigens ein Sozialdemokrat) Angela Merkel und führt geschäftsführend die Geschäfte der geschäftsführenden Bundesregierung. Manche Zeitgenossen behaupten, das könne ruhig so weitergehen. Schließlich habe die promovierte Physikerin das doch prima hinbekommen mit: der Euro-Krise, der Banken-Krise, der Griechen-Krise und, und, und.

Null Antworten

Ja, ja. Das ist aber vorbei! Jetzt haben wir zum Beispiel: die Flüchtlingskrise. Und auch ein bisschen: die Demokratiekrise. Denn nun sitzen 92 mehr oder weniger stramme Rechtsextreme im Bundestag und warten in der AfD-Fraktion diszipliniert und geschlossen darauf, dass die Wähler beim nächsten Mal sagen: Och, soo schlimm sind die doch gar nicht. Und die Frau Weidel ist immer so gut gekleidet. Brrrr, es schüttelt mich bei dem Gedanken.

Marko Langer Kommentarbild App PROVISORISCH (Sarah Ehrlenbruch)

Marko Langer, DW-Nachrichtenredaktion

Auf diese Krisen hat die überaus verdiente Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende exakt null Antworten. Und von der drohenden Altersarmut hierzulande, dem digitalen Schneckentempo und den unbezahlbaren Mietwohnungen in den Großstädten wollen wir gar nicht anfangen. Die Königin der Rauten-Politik hingegen machte auch am Ende der 24-Stunden-Sondierung am vergangenen Freitag ihre typische Handbewegung, als wollte sie sagen: So, nun wollen wir doch einmal sehen, was daraus wieder wird...

Entschuldigung, aber so kann unsere Kanzlerin doch nicht weitermachen! Wir sind doch kein physikalisches Experiment, bei dem man am Ende sieht, wie die Reaktionen sein werden. Angela Merkel hat einmal eine Dissertation geschrieben, in dem es unter anderem um den "Mechanismus von Zerfallsreaktionen" ging. Ich verstehe den Inhalt nicht, aber diese Formulierung kommt schon im Titel der Doktorarbeit vor. Zerfallsreaktionen: Das ist es, was wir im Moment auch im politischen Betrieb erleben.

Immer sind die anderen schuld!

Und das Perfide ist: Immer sind die anderen schuld! Wenn die Jamaika-Sondierung, diese balkonreife Operette scheitert, ist schuld: Christian Lindner! Wenn die Union keine einheitliche Haltung zur Fluchtproblematik findet - wer ist schuld? Der Seehofer Horst. Und wer wird schuld sein, wenn die SPD jetzt nicht mitmachen sollte bei der Aktion "Wir brauchen dringend eine GroKo, weil wir keine andere Regierung finden"? Richtig: Der Schulz ist schuld. Oder auch der Gabriel. Die Nahles. Eigentlich egal. Nur die Kanzlerin nicht. 

Angela Merkel will keine Minderheitsregierung? Dann soll sie es lassen! Würde sie, nach dem heutigen Stand der Dinge, eine Mehrheit bekommen, wenn sie im Bundestag zur Wiederwahl antreten würde? Wetten würde ich nicht darauf. Zerfallsreaktionen, siehe oben.

Unter einer Bedingung: Merkel muss weg

Es mag ja sein, dass die SPD bei einer Neuwahl auf 18 Prozent fällt. Es ist auch nicht besonders unwahrscheinlich, dass Martin Schulz nicht mehr besonders lange der Vorsitzende dieser stolzen Partei bleibt. Und wahr ist ja auch: Die SPD ist derzeit nicht gerade ins Regieren verliebt, sondern eher ins Gegenteil. Wäre sie aufrichtig und aufrecht in die Sondierungsgespräche gegangen, hätte die Partei gesagt: "Jawohl, wir bilden eine Koalition - unter einer Bedingung: Merkel muss weg!"

Martin, der Traurige, und Andrea, die Robuste

Aber wahrscheinlich haben Martin Schulz, der Traurige, und Andrea Nahles, die Robuste, diese Forderung nicht vorgetragen. Und nun beobachten sie eben die Zerfallsreaktionen ihrer internen Machtbasis. Nach dieser quälenden Woche und einem wahrscheinlich sehr spannenden Parteitag am kommenden Sonntag in Bonn könnte es sein, dass die Parteispitze knirschend mit dem Mandat für Koalitionsverhandlungen ausgestattet wird. Später müssen der traurige Martin und die robuste Andrea das Ergebnis den 440.000 Parteimitgliedern vorlegen: Ihr wollt es doch auch. Oder?

Also: Anarchie auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite? Schön blöd ist, wer sich auf Merkels perfides Machtspiel einlässt. Die Dinge in Deutschland sind anders seit dem 24. September 2017. Wir haben sechs Fraktionen im Deutschen Bundestag. Und wenn alle ehrlich wären, sollten wenigstens vier dieser Fraktionen feststellen: Keiner spielt mit Angela! Wir Deutsche haben ihr viel zu verdanken. Aber sie findet keine Mehrheit mehr. Ihre Zeit ist vorbei.

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