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Kommentar: Kein Vulkan, der Charisma speit

Die Wahl eines Stellvertreters sagt viel über denjenigen aus, der die Wahl trifft. Hillary Clinton hat sich mit Tim Kaine als Vize für einen Pragmatiker mit finanziellem Bonus entschieden, meint Miodrag Soric.

Er sei nicht gerade ein Vulkan, der Charisma speit. So stellte ihn jemand in einer Talk-Show vor. Da ist was dran. Tim Kaine, Senator aus Virgina, ist ein ruhiger, freundlicher Typ, loyal, integer. Er hat als ehemaliger Gouverneur Regierungserfahrung. Er gibt sich als streng katholisch, war bei den Jesuiten in Honduras - und doch ist er in bestimmten Fällen für das Recht der Frauen abzutreiben. Der Zeitgeist hat die Ecken und Kanten seines Glaubens rund geschliffen. Kaine - ein Pragmatiker.

Hillary berief ihn vor allem aus zwei Gründen. Zum einen: Sie vertraut ihm. Zum anderen: Sie mag keine Risiken eingehen. Bei dem 58-Jährigen Kaine weiß sie was sie hat. Dass er es werden sollte, pfiffen die Spatzen schon seit Wochen von den Dächern Washingtons. Keine Überraschung also. Politisch gehören beide zum moderaten Flügel der demokratischen Partei. Er arbeitet im außen- und im sicherheitspolitischen Ausschuss des Senats mit. Sollte sie 2017 im Oval Office sitzen, wird er weniger ein loyaler Gegenpart sein, mit dem man das Für und Wider wichtiger Entscheidungen auslotet. Kaine wird ihre Richtlinen folgsam umsetzen.

Viele Experten in Washington behaupten: Hillary Clinton entschloss sich für ihn, weil er so gut Spanisch spricht und damit die Latino-Wähler anlockt. Doch diese wichtige Minderheit – so alle Umfragen – wird am 8. November ohnehin demokratisch wählen. Kaine erschließt ihr auch keine zusätzlichen Wählerstimmen unter den Afroamerikanern. Auch sie machen auf dem Wahlzettel ihr Kreuz bei den Demokraten, ganz gleich wer antritt. Wo Kaine hilfreich tätig sein könnte, ist beim Fundraisen. Denn Wahlkampf ist teuer in den USA. Und Kaine hat extrem gute Drähte zu Wall Street, zu den Handelskammern, zu den Wirtschaftsbossen.

Er befürwortet den Freihandel, so wie Hillary auch. Die Kandidatin der Demokraten hofft ferner, dass Senator Kaine ihr die Mehrheit der Stimmen in Virginia sichern hilft. Die Bürger in diesem Bundesstaat sind "notorisch unberechenbar" und neigen mal der einen, mal der anderen Partei zu.

Enttäuscht von der Entscheidung dürfte der progressive Flügel der Partei sein. Dazu gehören Politiker wie die Senatorin aus Massachusetts, Elisabeth Warren, oder Bernie Sanders - Hillarys sturer Gegenspieler der vergangenen Monate. Sanders gelang es Millionen von jungen Anhängern zu mobilisieren. Viele sind inzwischen desillusioniert. Für einen Vize Sanders wären sie mit fliegenden Fahnen in den Wahlkampf gezogen. Für Kaine – kaum.

So wichtig wie der Vize auch ist: Diese Personalentscheidung bestimmt nicht den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen. Am Ende geht es um Clinton oder Trump.

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