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Fußball

Kommentar: Kein Mut zur Opposition

Die FIFA bleibt, wie sie ist: hochprofitabel, undurchsichtig und regiert vom Alleinherrscher Joseph Blatter. Mit Platinis Kandidatur-Verzicht verspielt man eine große Chance zur Erneuerung, meint Joscha Weber.

UEFA-Präsident Michel Platini (Foto: Getty)

Geht der Konfrontation mit Blatter aus dem Weg: UEFA-Präsident Michel Platini

Die UEFA-Medienabteilung versteht ihr Geschäft. In einer kurzen Video-Botschaft auf der Webseite der Europäischen Fußball Union erklärt Präsident Michel Platini, warum er das bleiben will, was er ist und warum er (noch) nicht den Thron des Weltfußballs anstrebt. Perfekt ausgeleuchtet wie in einer Hochglanz-Dokumentation und mit mehreren Kameras hochaufgelöst in Szene gesetzt, argumentiert Platini, dass sein Verbleib bei der UEFA eine "Herzensentscheidung" und "eine Frage der Leidenschaft" sei. Er wolle das, was er begonnen habe, zu Ende bringen, sei motivierter als je zuvor für seine Arbeit. Im Hintergrund säuselt dabei eine sanfte Musik, Wohlfühlatmosphäre entsteht, Empathie für Michel Platini wird geweckt. Der 79-sekündige Videoclip will vor allem eines: Wir sollen Verständnis für seinen Entschluss haben. Pardon, Monsieur Platini, ich habe es nicht.

Kein Wille zur Reform

Joscha Weber (Foto: DW)

DW-Sportredakteur Joscha Weber

Mit seinem Entschluss,

nicht gegen Amtsinhaber Joseph Blatter in den Ring um die FIFA-Präsidentschaft zu steigen,

vergibt Platini eine große Chance zur Erneuerung des Weltfußballs. Nachgewiesene Korruption in dreistelliger Millionenhöhe bei Top-Funktionären der FIFA, zum Kauf angebotene Stimmen vor WM-Vergaben und zweifelhafte Geldausschüttungen an Verbände und Funktionäre - die Liste der Skandale unter Blatters Amtsführung ist lang. All das wurde nie wirklich aufgearbeitet, auch nicht die Frage, was der Präsident selbst von all dem wusste. Auch wenn eingesetzte Ethik-Kommissionen und Sonderermittler anderes suggerieren wollen: Eine Bereitschaft zur Reform ist nicht erkennbar in der FIFA, und unter Blatter wird sich daran auch nichts ändern.

Die Wahl im kommenden Jahr wäre die Chance für Michel Platini gewesen, der als Frankreichs großer Fußballstar der 80er Jahre und UEFA-Präsident Strahlkraft, Namen, Einfluss und Beziehungen für einen aussichtsreichen Wahlkampf um die FIFA-Präsidentschaft mitbringt. Sein Verzicht zeugt einerseits von der Angst vor der Niederlage. Außer seinen europäischen Gefolgsleuten hätte er den Rest der FIFA-Welt vermutlich gegen sich gehabt, zu klar war

die Machtverteilung pro Blatter

auf dem FIFA-Kongress kurz der WM in Brasilien. Blatter hat wieder einmal dem Anschein nach erfolgreich mit seinem bewährten System aus Versprechungen und Charme im Hintergrund die Fäden gezogen - und die Wahl bereits neun Monate vor dem Wahltag gewonnen. Der Fußball hat hingegen verloren.

Ein Eigentor für Platini

Ein glaubwürdiger und transparenter Weltverband, dessen Image ohnehin schwer beschädigt ist, bleibt in naher Zukunft eine Illusion. Michel Platini hätte dies ändern können, hat aber stattdessen Realpolitik betrieben. Er geht einer Konfrontation mit dem stärkeren Gegner aus dem Weg, um Blatter möglicherweise 2019 kampflos zu beerben. Denn selbst Alleinherrscher Sepp Blatter wird mit dann stolzen 83 Jahren wahrscheinlich nicht noch einmal antreten.

Die Aufgeschoben-ist-nicht-aufgehoben-Taktik ist dennoch ein Eigentor für Platini. Sein Rückzug bedeutet eine Selbstentmachtung des europäischen Fußballs, dessen Einfluss nach der nun eingestandenen Niederlage im Machtkampf mit Blatter weiter schwinden wird. Und nur Blatter wird vom vermeintlichen Burgfrieden zwischen FIFA und UEFA profitieren, denn er kann den Status quo im Weltverband zementieren. Korruption, Vetternwirtschaft und Reformunwillen in der FIFA öffentlich zu kritisieren, ist die eine Sache, Monsieur Platini. Aufzustehen, zu kandidieren und dagegen vorzugehen, ist eine andere.

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