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Standpunkt

Kommentar: Kein Happy End

Novak Djokovic ist schuld. Hätte der Tennis-Star weiter mit Boris Becker gemeinsame Sache gemacht, müsste der jetzt nicht nationale Aufgaben schultern. Marko Langer, zwar Fan von Beckers Expertise, hat kein gutes Gefühl.

Wenn es um die Tennis-Expertise von Boris Becker geht, weiß man überhaupt nicht, wo man anfangen soll: Wimbledon, sein "Wohnzimmer", der Center Court, die drei Siege, der Becker-Hecht, die Tennis-Manie, die der damals 17-Jährige in Deutschland auslöste. Die Becker-Story hat mehrere Generationen von Tennis-Spielern und Fans in Deutschland geprägt. Mich auch.

"Any point will do"

Aber vielleicht ist eine kleine Szene geeigneter, die große Tennis-Expertise von Boris Becker zu verdeutlichen. Die BBC hat, nachdem Andy Murray die Nation endlich vom Trauma befreite, viel zu lange keinen Wimbledon-Sieger mehr vorweisen zu können, eine Doku über den Tag produziert, als Murray gewann. Ganz am Ende des Films sieht sich Murray die Aufzeichnung des Matchballs an und hört die Stimme aus der kleinen Kommentatoren-Box: "Any point will do." Jeder Punkt bringt Dich ans Ziel.

Der nüchterne, kurze Satz sollte eigentlich auf einer Tafel im Klubgelände im Londoner Stadtteil SW19 verewigt werden. Kein Satz bringt die Anspannung eines Matchballs im Tennis besser auf den Punkt: "Any point will do." Der Mann, der ihn sprach, war der bei britischen Fans hochverehrte Boris Becker. Und Andy Murray weiß natürlich bis heute, wem die Stimme des Kommentators gehört: "It's Boris."

Eine Mischung auch Joachim Löw und Joachim Watzke?

Und nun? Jetzt wird der Mann "Head of Men's Tennis" beim Spitzenverband, dem Deutschen Tennis-Bund (DTB). Also eine Mischung aus, sagen wir mal, Joachim Löw und Joachim Watzke. Am Mittwoch will der Verband seinen Scoop in Frankfurt der Öffentlichkeit präsentieren.

Ich weiß nicht, wie deutsche Tennis-Profis die Nachricht finden. Wahrscheinlich ist es ihnen egal. Ich weiß aber, wie skeptisch einige der notorisch selbstbewussten 18 (!) Landesverbände auf die Personalie reagieren werden. Oder die Mannschafts- und Turnierspieler in den deutschen Vereinen, die dem chronisch klammen DTB seit dieser Saison pro Turnier fünf Euro extra abdrücken müssen. Der DTB ist hier ungefähr so beliebt wie der Deutsche Fußball-Bund bei den Ultras in den Fan-Kurven deutscher Fußball-Stadien.

Langer Marko Kommentarbild App

Marko Langer, DW-Nachrichtenredaktion

"Kann mir mal einer erklären ...?"

Außerdem: Es gibt beim DTB einen für Leistungssport zuständigen Verbands-Vize (Dirk Hordorff), einen Sportdirektor (Klaus Eberhard), einen Davis-Cup-Teamchef (Michael Kohlmann). Sie alle werden, wie es bisher heißt, im Amt bleiben. Was soll da der "Head of ..." machen? Dem gut vernetzten Hordorff könnte man den Blick ins Archiv des Nachrichten-Magazins "Der Spiegel" empfehlen, das am 21. Juni 1999 über den damaligen Zoff zwischen dem Verband, den Spitzenspielern und dem Davis-Cup-Kapitän berichtete und Hordorff mit dem Satz zitierte: "Kann mir mal einer erklären, was der Teamchef eigentlich macht?" Die Trennung folgte auf dem Fuße. Der Kapitän hieß damals Boris Becker.

Das kann man nahtlos übertragen: Kann mir mal einer erklären, was der Head of Men's Tennis eigentlich macht? Ist es vielleicht so, dass ein - ebenfalls notorisch unter Druck stehender - Verband händeringend eine Lösung gesucht hat, um den prominenten Sohn zurück in die eigenen Reihen zu holen und sich ein Stück vom Glanz des Boris B. zu sichern? Über Kosten und Bezahlung des neuen Postens, dazu ist offiziell noch nichts gesagt, soll dabei erst gar nicht spekuliert werden. Das wäre im Erfolgsfall auch egal.

Taumelnde Schlagzeilen

Und es gibt ja auch den anderen Boris Becker: den Zocker, den Mann der Schlagzeilen, die zwischen Besenkammer-Sex und finanziellem Bankrott taumeln. Den Mann, der seine Autobiographie in einer selbstverliebten Pressekonferenz vorstellte und in - pardon - bescheuerten TV-Shows bescheuerte Mützen trug. Der sich vom Manager eines Oliver Pocher vermarkten lässt. Das erklärt auch, warum die Liebesgeschichte zwischen Boris Becker und der deutschen Öffentlichkeit - bislang - ohne Happy End blieb. Anders als in Großbritannien, wo sie ja selbst einem Thronfolger Eskapaden und allerlei Merkwürdigkeiten verzeihen. Und auch anders als bei Steffi Graf, deren Interviews seit ihrem Karriere-Ende an einer Hand abzuzählen sind.

Ich würde mich ja freuen, wenn Becker Erfolg hätte und so treffsicher wäre, wie bei seinen BBC- oder Eurosport-Kommentaren. Allein mir fehlt der Glaube. Es gäbe im deutschen Tennis viel zu tun. Zum Beispiel den erwähnten Irrsinn mit den 18 Landesverbänden zu beenden. Und damit das Fördersystem zu verbessern. Oder das notleidende Hamburger ATP-Turnier wieder auf solide Füße zu stellen. Dass sich indes ein Alexander Zverev auf seinem absehbaren Weg an die Weltspitze viel von einem Becker oder der in Hamburg ansässigen Verbandsspitze sagen lässt, ist eher nicht zu erwarten.

Wenigstens mit Barbara Rittner

Glücklicherweise hatte man dort am Ende auch eine gute Idee. Neben dem "Head of Men's Tennis" gibt es auch ein Pendant für den Frauenbereich: Barbara Rittner, bisher Bundestrainerin und Fed-Cup-Chefin, erfährt so eine Beförderung. Möglicherweise hätte die Erfinderin des Porsche-Talent-Teams ansonsten auch hingeschmissen. Besser wäre es gewesen, man hätte die engagierte, kluge und erfolgreiche Trainerin (trotz des bislang noch fehlenden Fed-Cup-Titels als Coach) allein an die Spitze geholt.

Aber so modern - oder mutig - wollten die Verbandsfürsten leider nicht sein. Dann schon lieber das gemeinsame Foto mit dem Mann, der dreimal Wimbledon gewann.

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