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Asien

Kommentar: Kein Grund zur Aufregung

Der Dalai Lama besucht US-Präsident Barack Obama und Chinas Kommunistische Führung rasselt laut drohend mit dem Säbel. Doch das ist kein Grund zur Aufregung, sagt Adrienne Woltersdorf.

Adrienne Woltersdorf, Leiterin des chinesischen Programms der DW

Adrienne Woltersdorf, Leiterin des chinesischen Programms der DW.

Peking ist verärgert über den Umgang Washingtons mit zwei heiklen Themen: Taiwan und Tibet. China verlangt von Obama, sein Treffen mit dem Dalai Lama abzusagen, sonst, so droht Peking unverholen, werde dies die Beziehungen empfindlich trüben.

Austariertes Machtspiel

Der aktuelle Krach zwischen Washington und Peking verleitet allzu leicht dazu, schon die Konturen einer neuen Weltordnung zu sehen. China als aggressive Supermacht, so lauten alarmistische Schlagzeilen. Doch solche Ängste sind übertrieben. Hier geht es vielmehr um ein fein austariertes Machtspiel, bei dem beide Seiten nur gewinnen können, wenn sie friedlich kooperieren. Hitzige Drohungen und kühler Pragmatismus halten sich auf beiden Seiten des Pazifiks schon seit der Nixon-Mao Ära Mitte der 70er Jahre die Balance. Auf Getöse folgt nach kurzer Zeit wieder "Business-as-usual".

Die USA sind Chinas größter Absatzmarkt, und Chinas Banken gehören zu den größten Gläubigern Washingtons. Kurz gesagt: Beide Ökonomien sind längst so verflochten, dass sich weder die USA noch China ein ernsthaftes Zerwürfnis leisten können.

China zeigt Muskeln

Barack Obama und Hu Jintao / Peking

China nimmt Obama die Sympathiebekundung für den Dalai Lama übel.

Doch seit der Weltwirtschaftskrise ist einiges anders. China wurde verschont vom Flächenbrand der Bankenkrise - was das Boomland stärker macht als das alte Reich der Mitte je war. Das beflügelt die Machtphantasien. Pekings bewährter Pragmatismus wird daher zu Hause immer öfter von nationalistischem Getöse übertönt. Eine selbstbewusste chinesische Elite fordert immer öfter die Bestrafung der USA. China habe es nicht länger nötig klein beizugeben, wenn der Westen seine Interessen torpediert.

Doch Chinas Nationalisten denken zu schlicht: Keine westliche Regierung hat jemals Tibets Unabhängigkeit gefordert. Nicht einmal der Dalai Lama tut dies - obgleich Peking ihm diese Forderung beharrlich in den Mund legt.

Wollte China die USA zudem durch Verkauf seiner massenhaften US-Staatsanleihen bestrafen, sähe Peking seine Kredite in Rauch aufgehen. Und würde Chinas KP, wie angedroht, tatsächlich US-amerikanische Firmen boykottieren, bliebe am Ende zum Beispiel die Hälfte von Chinas Flugzeugflotte am Boden - denn ohne Boeing-Ersatzteile fliegt in China nichts.

Dalai Lama-Treffen - eine Prinzipienfrage

China Tibet Soldaten in Lhasa

Der Status von Tibet ist für China nicht verhandelbar.

Kein Wunder also, dass Beijings Führer trotz Säbelrasseln auf anderer Ebene gute Stimmung machen. Dem US-Flugzeugträger Nimitz genehmigten sie erstmals den Hafenbesuch in Hongkong - eine Geste, die zeigt, dass die Beziehungen beider Mächte noch immer ein fein justiertes Machtspiel sind. Ob Obama den Dalai Lama angesichts Chinas neuem Kampfgewicht treffen soll oder nicht, darf dennoch nicht die Frage sein. Demokratisch gewählte Führer müssen zeigen, dass sie in Menschenrechtsfragen kompromisslos sind. Obama beging im vergangenen Herbst zweifellos einen Fehler. Damals verschob er ein Treffen mit dem Dalai Lama zugunsten seiner ersten Reise nach China. Das war ein falsches Signal. Denn wenn der Westen eine Prinzipienfrage zum Gegenstand politischen Kalküls macht, verliert er seine innere Stärke und Glaubwürdigkeit.

Autorin: Adrienne Woltersdorf

Redaktion: Miriam Klaussner