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Meinung

Kommentar: Kein Ende der AutokanzlerInnen

In Frankfurt hat die IAA ihre Tore geöffnet. Zuvor mussten sich die Autobosse nochmals von der Bundeskanzlerin die Leviten lesen lassen. Von einer Zeitenwende zu sprechen, ist es aber noch zu früh, meint Henrik Böhme.

"Wege aus dem Diesel-Desaster". Wenn schon das Magazin "Motorwelt" des Autoklubs ADAC, gleichsam Zentralorgan des deutschen Autofahrers und den Herstellern durchaus gewogen, mit so einer Schlagzeile auf dem Titelblatt erscheint, dann muss sich irgendwas geändert haben. Andererseits scheuen die deutschen Autobosse das böse Wort vom Dieselgate nach wie vor wie der Teufel das Weihwasser. Sie sprechen immer noch von "diesem Sachverhalt" oder der "Dieselthematik".

Eine Menge Fragen…

Ziemlich genau zwei Jahre ist das her, dass der Dieselbetrug von Volkswagen aufflog. Genau wie heute, lief auch damals gerade die Autoschau in Frankfurt. Erst beschwor Martin Winterkorn den großen Wandel, vor dem die Autobranche stünde, vier Tage später platzte die Bombe - und das Kapitel Winterkorn war Geschichte. Der Skandal stürzte den großen Volkswagen-Konzern, seines Zeichens immerhin weltgrößter Autobauer, in eine existenzielle Krise. Aber die bösen Buben, sie sitzen nicht allein in Wolfsburg. Auch bei Daimler haben sie getrickst, gegen französische Konkurrenz von Renault und PSA wird ermittelt und gegen FiatChrysler ebenfalls.

Boehme Henrik Kommentarbild App

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Nun also ist wieder IAA, und die große Frage war: Wie geben sich die deutschen Autobauer bei ihrem Heimspiel? Im Büßerhemd? Kommen sie endlich aus der Deckung und geben ihre Zurückhaltung in Sachen alternative Antriebe auf? Wie wollen sie verlorenes Vertrauen zurückgewinnen? Und was wird  die Bundeskanzlerin machen, zehn Tage vor der Wahl in Deutschland? Auf einer Bühne mit Betrügern?

… und die Antworten

Hier die Antworten: Im Büßerhemd kam keiner. Bedauern wurde ausgedrückt, das schon. Eine Entschuldigung war nicht zu hören. Eher ist wohl die Strategie: Flucht nach vorn. Wenn Dieselgate irgendetwas Gutes gebracht haben sollte, dann ist es die Einsicht der deutschen Autobauer, nun doch endlich die große Offensive zu starten in Sachen Elektromobilität. Dafür werden Milliarden in die Hand genommen und große Versprechungen gemacht. Aber das sind eben erstmal nur Versprechungen, und davon gab es in der Vergangenheit schon reichlich. Es muss sich also erst noch zeigen, ob sich die ehrgeizigen Pläne wirklich umsetzen lassen, zumal das Elektroauto derzeit noch eine eher miese Ökobilanz hat.

Stocksauer? Von wegen!

Schließlich Auftritt Frau Dr. Merkel. "Stocksauer" sei sie auf die Autobosse, hatte sie vor ein paar Tagen noch bei einem TV-Duell mit ihrem sozialdemokratischen Herausforderer getönt. (Merkels einziger emotionaler Ausbruch in einem ansonsten langweiligen "Duell"). Und: Sie werde auf der IAA nicht anders sprechen als auf den Marktplätzen.

Pustekuchen! Jetzt, im Congress Centrum zu Frankfurt, wo die Bosse allesamt in der ersten Reihe sitzen, klingt das viel weniger dramatisch: Lücken seien exzessiv ausgenutzt worden, Verbraucher seien getäuscht und enttäuscht worden, Vertrauen müsse schnellstmöglich zurückgewonnen werden, und ach ja: Den Verbrennungsmotor werde man noch Jahrzehnte brauchen. Ja geht´s noch?

Diese Rede hätte sich die Kanzlerin auch vom Veranstalter der Messe schreiben lassen können, dem Verband der Automobilindustrie. Warum nicht mal die Keule schwingen? Warum nicht mit Regulierung drohen? Eine Regierungschefin, die der Autobranche stets jeden Wunsch erfüllt hat, wenn aus Brüssel mal wieder strengere Grenzwerte drohten, die darf doch wohl mal ordentlich auf den Tisch hauen, denn schließlich ist ja auch sie hintergangen worden.

Der falsche Weg

So bleibt es wohl bei dieser allzu ungesunden Nähe zwischen Politik und Autobranche. Das stört aber gewaltig beim Aufbruch in das neue Mobilitätszeitalter. Denn wohin die Reise geht, ist klar - und wird auch ein bisschen auf der IAA sichtbar: Autos werden Bestandteile eines digitalen Mobilitätsnetzwerks, sie fahren emissionsfrei und werden geteilt.

Das alles könnten die deutschen Autobauer führend mitgestalten. Aber dafür müssten sie ihre Wagenburgen verlassen, hinter denen sie sich noch immer verschanzen, sie müssten viel offensiver Kooperationen eingehen, miteinander und mit anderen Branchen. Auch wenn VW, Daimler, BMW und Co nun den endgültigen Eintritt ins E-Zeitalter beschlossen haben: Am Ende dominieren in Frankfurt noch immer Leistung und Luxus. Das ist der falsche Weg.               

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