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Amerika

Kommentar: Karriere, Kinder, Kühlschrank?

Amerikanische IT-Unternehmen helfen Frauen, ihre Familienplanung aufzuschieben: Statt in jungen Jahren schwanger zu werden, können sie ihre Eizellen auf Firmenkosten einfrieren lassen. Naomi Conrad sieht das kritisch.

Auf den ersten Blick scheint die Idee ziemlich logisch, elegant sogar: Wird eine Frau schwanger, fällt für längere Zeit eine qualifizierte Mitarbeiterin aus, in die ein Unternehmen viel investiert hat. Ist das Kind dann geboren, konkurriert es mit vielen Überstunden, den Dienstreisen und Cocktailparties, auf denen Ideen und Visitenkarten ausgetauscht werden. Eine Karriere wird unterbrochen, vielleicht sogar ganz abgebrochen, zumindest aber verlangsamt. Das Unternehmen kann nicht das volle Potenzial der Mitarbeiterin abschöpfen.

Erst Karriere, dann Kinder

Deshalb wollen US-Unternehmen jungen, hochqualifizierten Frauen helfen, statt ihrer Karriere lieber den Kinderwunsch auf Eis zu legen: Facebook macht es bereits vor, Apple möchte ab nächstem Jahr nachziehen und Mitarbeiterinnen bezahlen, wenn diese ihre Eizellen für später einfrieren lassen. Nach Berichten des US-Senders NBC übernehmen die beiden Firmen bis zu 20.000 Dollar der Kosten für die Entnahme der Eizellen und ihre Aufbewahrung. Schwanger werden, so das Credo, können die Frauen dann noch später, wenn sie bereits eine attraktive und gesicherte Position auf der Karriereleiter erklommen haben. Denn ab Mitte 30 nimmt die Fruchtbarkeit bei Frauen rapide ab - wer aber seine Eizellen in jungen Jahren einfriert, kann auch später noch Kinder bekommen.

Reine Augenwischerei oder ein wirklich guter Plan? Stehen nicht auch später immer noch Dienstreisen, Überstunden, und Abendtermine an, um Kunden und Kontakte zu treffen? Wird mit dem Einfrieren letztlich ein Problem nur auf Eis gelegt, das es sofort und ganz grundsätzlich zu lösen gilt, anstatt es aufzuschieben? Nämlich, wie Frauen Kinder und Karriere tatsächlich vereinbaren können, ohne auf eines der beiden verzichten zu müssen.

Elternzeit und Mutterschutz sind in den USA nicht die Regel

Dabei sind Apple und Facebook mit ihren Betriebskindergärten und bezahlter Elternzeit von jeweils etwa vier Monaten gewissermaßen eine Insel der Glückseligen. Zwar nicht im deutschen, aber doch im amerikanischen Vergleich: In den USA gibt es nämlich keinen gesetzlichen Anspruch auf Mutterschutz oder Elternzeit. Und jetzt noch die Hilfe beim Einfrieren von Eizellen: Die männerdominierte IT-Branche soll für Frauen attraktiv werden und wirbt damit, hier könne man Kinder und Karriere unter einen Hut bringen.

Kommentarfoto Naomi Conrad Hauptstadtstudio

Naomi Conrad, Korrespondentin im Hauptstadtstudio der DW

Nur dass sie genau das auch weiterhin nicht bietet: Eine wirkliche Vereinbarkeit von Kindern und Karriere bedeutet doch nicht, die Familiengründung hinauszuschieben! Sondern sie beruht auf flexiblen, aber festen Arbeitsverträgen, die Planungssicherheit geben - anstatt junge Arbeitnehmer sich immer nur von einem Jahr zum nächsten hangeln lassen. Sie beruht auf einer Arbeitskultur, in der Überstunden und Abendtermine nicht die Regel sind. Einem flächendeckenden Angebot an Kindertagesstätten auch für Kleinkinder - und Partnern, die sich im gleichen Umfang wie ihre Frauen in Haushalt und Kinderbetreuung engagieren, oder beides auch mal ganz übernehmen. Kurz: Es bedarf, auch hier in Deutschland übrigens, einer gesetzlichen Grundlage, damit Frauen - und auch Männer! - so gut es eben gehen kann, Kinder und Karriere verbinden können.

Nicht, dass andernfalls die Unternehmen die Familienplanung ihrer Mitarbeiterinnen steuern - und auf später aufschieben. Was heißt eigentlich "später"? Wenn die Frauen älter, im Einzelfall bereits weniger belastbar und nicht mehr so attraktiv für die hippe, kreative IT-Branche sind? Dann können sie ja ruhig zu Hause bleiben und sich um ihre Kinder kümmern! Vermutlich für immer. Oder?

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