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Wirtschaft

Kommentar: Kaeser ohne Stil

Der Siemens-Chef will den Konzern umbauen, fast 12.000 Stellen sind betroffen. Genaueres verrät er zuerst den Investoren - und informiert erst danach die Mitarbeiter. Kein guter Stil, findet Andreas Becker.

Siemens befindet sich in einem der größten Umbau-Prozesse seiner Geschichte. Vorstandschef Joe Kaeser will dem Technologiekonzern eine

neue Struktur

verpassen. Die Veränderungen, die sein Vorgänger Peter Löscher gerade erst eingeführt hatte, wirft er damit wieder über den Haufen. Anfang Mai erhielt Kaeser vom Aufsichtsrat grünes Licht für seine Pläne, die er "Vision 2020" nennt. Der Konzern soll flexibler, schlanker und wettbewerbsfähiger werden.

"Nicht die Strategie ist es, die den Unterschied macht, sondern die Kultur eines Unternehmens, seine Werte und wofür es steht", hatte Kaeser auf der anschließenden Presse- und Analystenkonferenz gesagt. Details zu Stellenstreichungen wollte er damals nicht nennen. Darüber werde er "nach der vorgesehenen Beratung mit den Arbeitnehmervertretern informieren".

Schlechte Kommunikation

Die Mitarbeiter allerdings reiben sich seitdem verwundert die Augen. Denn was der Umbau für sie und ihre Arbeitsplätze bedeutet, scheinen sie nur über Dritte zu erfahren. So

demonstrierten am 23. Mai rund 2000 Angestellte

in Erlangen und München, weil sie in einem Wirtschaftsmagazin lesen mussten, es sollten 10.000 Stellen wegfallen.

Inzwischen ist von 11.600 Stellen die Rede. Zuerst berichtete das die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf eine "Webcast-Konferenz". Am Freitag (30.05.2014) dann bestätigte ein Siemens-Sprecher, Kaeser habe die Zahl auf einer Investorenkonferenz in New York genannt. "Es wird diese Stellen nicht mehr geben", so der Sprecher weiter. Allerdings bedeute ein Stellenabbau "nicht zwangsläufig Jobverlust".

Später am Abend schaltete sich dann Kaeser selbst in die von ihm so ungeschickt begonnene Debatte ein: "Eben aus dem Flieger von New York ausgestiegen, überschüttet mich ein Sturm von Meldungen über einen angeblichen Stellenabbau von 11 600 Mitarbeitern bei Siemens", schreibt er den Mitarbeitern. "Die Meldungen sind so nicht richtig beziehungsweise völlig falsch ausgelegt." Die Zahlen würden sich keineswegs zu einem Abbau-Programm addieren lassen, betont Kaeser. Er habe die Daten genannt und "gleichzeitig ausdrücklich davon gesprochen, dass diese dann vorzugsweise in weiten Teilen anderweitig eingesetzt werden könnten."

Presseberichte, Agenturmeldungen, Webcast- und Investorenkonferenzen, Mails zur Schadensbegrenzung am Freitagnachmittag - das sind offenbar die Quellen, von denen die Mitarbeiter etwas über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze erfahren. Gleiches gilt für die Gewerkschaften: "Die Zahl, die jetzt aufgeschlüsselt wurde, ist mit uns nicht besprochen worden", so eine Sprecherin der IG Metall.

Kaputtes Familienbild

Joe Kaeser arbeitet seit 1980 bei Siemens. Er hat also noch die Zeiten miterlebt, als sich die "Siemensianer" als Teile einer großen Familie sahen. Seine aktuelle Informationspolitik zeigt: die Zeiten sind endgültig vorbei, das Familienbild kaputt.

Man kann einwenden, dass 11.600 Arbeitsplätze angesichts der 360.000 Mitarbeiter nur drei Prozent der Belegschaft darstellen. Zum Vergleich: Der ähnlich große US-Konzern Hewlett-Packard will bis zum Herbst 50.000 Stellen streichen. Man kann auch argumentieren, dass der Riesenkonzern Siemens eine Verschlankung dringend nötig hat, wenn er erfolgreich sein will. Außerdem war es klar, dass Kaesers Sparziel von einer Milliarde Euro nicht ohne Stellenabbau zu erreichen ist.

Trotzdem ist es bezeichnend, dass der Siemens-Chef die erste konkrete Zahl für Stellenstreichungen vor Investoren verkündet, nicht aber vor den Mitarbeitern. "Basis für den Erfolg sind hochengagierte und zufriedene Mitarbeiter", hatte er selbst Anfang Mai gesagt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die sich ernst genommen fühlen.

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