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Nahost

Kommentar: Köpfe und Herzen der Araber erreichen!

Die Welt ist geschockt über die Brutalität des Mordes am jordanischen Piloten Muas al-Kasasba. Doch Empörung reicht nicht. Im Kampf gegen den Terror der Islamisten ist ein Strategiewechsel nötig, meint Naser Schruf.

Al-Kaida, Boko Haram, Al-Shabab-Milizen, Taliban - und vor allem der so genannte "Islamische Staat" (IS): Terrorgruppen bestimmen zunehmend das politische Geschehen in vielen muslimisch geprägten Ländern. Alle diese Gruppen beziehen sich in ihrer zerstörerischen und menschenverachtenden Kriegsführung angeblich auf einen "reinen" und "unverfälschten" Islam: Sie nehmen den Koran oder die Überlieferungen des Propheten Mohammed angeblich "wörtlich". Jedenfalls behaupten sie das gerne.

Doch wie die Terrormiliz „Islamischer Staat“ im inner-islamischen Diskurs nun die öffentliche Verbrennung des jordanischen Piloten Muas al-Kasasba zu rechtfertigen versucht, zeigt, dass die Dschihadisten in Wirklichkeit Propheten-Zitate so auslegen, wie es ihnen ins Kalkül passt. Von Mohammed ist der Ausspruch überliefert: „Niemand darf mit dem Feuer bestrafen, außer Gott." Genau daran hat sich der IS nicht gehalten und weist Kritik daran - sogar aus den eigenen Reihen - mit theologisch komplizierten Ausweichmanövern und Rechtfertigungsversuchen zurück, die über Twitter verbreitet werden. Einen Geistlichen aus dem Dunstkreis von IS wollen die Terroristen wegen seiner theologisch motivierten Kritik an der Verbrennung jetzt sogar als Abweichler vor "Gericht" stellen, meldet die der syrischen Opposition nahestehende und für gewöhnlich gut informierte Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Kritik innerhalb des IS

Rechtfertigen der Islam oder die Scharia wirklich Terror? Ich halte es für nicht zielführend, immer wieder darüber zu debattieren. Der Islam ist immer auch das, was die, die an ihn glauben oder sich auf ihn berufen, aus ihm machen. Und die Mehrheit der Muslime in der arabischen Welt ist genauso gegen Terror eingestellt wie die Mehrheit der Menschen in westlichen Ländern - nicht erst seit dem Tod des Piloten.

Naser Schruf

Naser Schruf, Leiter DW-Arabisch

Was fehlt, ist eine langfristige und glaubwürdige internationale Strategie gegen den Terror, die vor allem folgende Herausforderungen in den Blick nehmen müsste: Erstens, die Erfolge der Terroristen bei der Rekrutierung neuer Kämpfer - nicht nur in arabischen, sondern auch in westlichen Ländern. Zweitens, der erschreckend professionelle und leider insbesondere bei jungen Leuten ungebrochen erfolgreiche Missbrauch von Internet und sozialen Medien für Hasspropaganda und Rekrutierung. Und drittens, die gefährliche Fähigkeit insbesondere des IS, neue Allianzen zu bilden und somit neue Aktionsfelder für ihren Terror zu schaffen - vom Sinai in Ägypten über Libyen und Algerien bis hin zum subsaharischen Afrika.

Günstiger Moment?

Mit Horror-Taten auf Videos Schrecken zu verbreiten, ist ein fester Bestandteil der Strategie des IS. Doch mit der jetzt deutlich vernehmbaren Kritik an der Verbrennung eines Muslims seitens anderer Muslime und sogar IS-Anhänger hatten sie wohl nicht gerechnet. Der schreckliche Anlass und die empörten Reaktionen könnten deshalb in gewisser Weise sogar ein günstiger Moment sein, um den Kampf von westlichen und islamischen Staaten gegen den IS auf eine strategisch erweiterte Basis zu stellen:

Erstens muss der militärische Druck auf den IS durch gezielte Angriffe auf Truppen und Militärstellungen erhöht werden - allerdings ohne die Bevölkerung im Irak und in Syrien in kollektive Geiselhaft zu nehmen. Bombardements von Wohngebieten wie in der IS-Hochburg Al-Rakka darf es nicht geben - sie rufen nur Ressentiments gegen die Anti-IS-Koalition hervor und treiben dem IS neue Anhänger in die Arme.

Zweitens sind die religiösen Institutionen und Würdenträger in der Region gefordert, gemeinsam eine klare Abgrenzung zwischen Islam und IS-Terror zu ziehen. Insbesondere die Al-Azhar-Moschee in Kairo, die mit ihrer Rechtsprechung für Millionen Sunniten wegweisend ist, könnte hier eine führende Rolle spielen. Der Ausspruch des hochrangigen Azhar-Gelehrten Ahmed al-Tajib, der IS-Extremisten am liebsten "töten, kreuzigen oder ihnen die Gliedmaßen abgehacken" würde, ist allerdings nicht der richtige Weg: Rache ist hier überhaupt nicht weiterführend, sie provoziert nur weitere Verrohung und Gewalt. Und IS-Methoden zu kopieren, ist ohnehin der falsche Weg, wenn Terror und Gewalt auch in den Köpfen der Menschen überwunden werden sollen. Gefordert ist vielmehr eine Allianz derer, die Religion als moralische und zivilisatorische Richtschnur ihres Handels, als Grundlage für Frieden und gegenseitigen Respekt begreifen. Sunniten und Schiiten gehören deshalb hier ebenso an den Tisch wie Christen, Jesiden und andere.

Gefährliche Perspektivlosigkeit

Eine bloße Distanzierung vom IS ist bei weitem nicht ausreichend. Es geht darum, den zahlreichen verzweifelten jungen Menschen in der Region ein Verständnis von Religiösität vorzuleben, das nicht auf Ausgrenzung, Terror und Gewalt beruht. Es geht darum, ihre Köpfe und ihre Herzen anzusprechen. Gerade junge Menschen in der arabischen Welt leben meist in einem gesellschaftlichen Klima voller Konflikte - ohne jede Hoffnung auf Wohlstand, ohne jede Perspektive auf Bildung oder Entwicklung, ohne jedes echte Recht auf Mitsprache und Partizipation in ihren Gesellschaften. Der "Arabische Frühling" hat hieran leider nichts ändern können. Solange dies so bleibt, werden auch Terror und Gewalt kaum einzudämmen sein - selbst wenn die Anti-Terror-Allianz weitere 30 Jahre Bomben über Syrien und dem Irak abwerfen würde.

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