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Krise um Katar

Kommentar: Junge Wilde spielen mit dem Feuer

Diplomatische Krise am Golf, Katar aufgrund des Vorwurfs der Terrorfinanzierung isoliert. Doch in Wirklichkeit geht es um das unbändige Machtstreben junger Prinzen mithilfe von Donald Trump, meint Bachir Amroune.

Die Reaktion des US-Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten. Wenige Stunden nach der diplomatischen und weitestgehend auch geografischen Isolierung des kleinen Emirats Katar am persischen Golf, ließ Donald Trump über das Weiße Haus mitteilen, er wolle zu einer Deeskalation der Lage beitragen. Bei Bedarf werde er einen hohen Vertreter seiner Regierung als Mittler in die Krisenregion schicken.

Doch ein ehrlicher Makler ist Trump in der Angelegenheit nicht. Und es ist auch kein Zufall, dass das neue Säbelrasseln am Golf unmittelbar nach seiner Jahrhundertvisite in Riad anfing. Dort erklärte er die wahhabitische Golfmonarchie zur Führungsmacht in der arabischen und islamischen Welt und zum Hilfssheriff der USA in der Region. Die erklärten Bösewichte: Riads Erzrivale Iran und nicht näher definierte Staaten, die den Terror unterstützen. Die Saudis ließen sich diese Ehren gleich Militär- und Handelsdeals mit den USA von mehreren hundert Milliarden Dollar kosten, was den Großteil ihrer Geldreserven ausmacht.

Bachir Amroune (DW)

Bachir Amroune, arabische Redaktion

Diese Machtverschiebung bekommt nun Katar als erstes zu spüren. Seit dem Putsch von Kronprinz Hamad bin Khalifa gegen seinen Vater 1995 ist das winzige Emirat um eine eigenständige Rolle in der Region und der Welt bemüht. Mit seinen schier unerschöpflichen Gasreserven in der rechten und dem panarabischen Nachrichtensender Al-Dschasira in der linken Hand entwickelte es sich zum diplomatischen Schwergewicht und spielte diese Macht besonders im Arabischen Frühling gegen die Herrscher der anderen arabischen Staaten aus. Bei vielen Regimekritikern im Nahen Osten steigerte das Katars Popularität enorm. Dem großen Bruder Saudi-Arabien war das allerdings von Anfang an ein Dorn im Auge. Böse Zungen behaupten, dass Katars Emir Hamad 2013 auf saudischen Druck hin zugunsten seines gerade mal Mitte 30-jährigen Sohns Tamim abdanken musste.

Pate aller konterrevolutionären Kräfte

Doch auch Tamim eckte beim Nachbarn an, auch wenn Al-Dschasira seit 2014 darauf verzichtet, sowohl innen- als auch außenpolitisch Saudi-Arabien-kritisch zu berichten. Zum ganz großen Schlag konnte Riad aber erst jetzt, nach dem Milliardendeal mit Trump, ausholen. Der eigentliche Architekt dieser Machtverschiebung ist jedoch der 56-jährige Muhammad bin Zayid Al Nahyan. Der für die Verhältnisse in den Golfmonarchien immer noch junge Kornprinz von Abu Dhabi ist der Pate aller konterrevolutionären Kräfte in den Ländern des arabischen Frühlings. Egal ob in Tunesien, Libyen oder Ägypten: überall ist den alten Garden Muhammad bin Zayids Unterstützung sicher. Womit seine Interessen denen Katars diametral gegenüberstehen, das vor allem auf die Muslimbrüder setzt.

Abu Dhabis Kronprinz hat sehr gute Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump. Die nutzt Muhammad bin Zayid, um sich mit Nachdruck für einen ehrgeizigen Verbündeten einzusetzen: Saudi-Arabiens Vizekronprinz Muhammad. Der möchte am liebsten so schnell wie möglich Kronprinz in Riad werden, um die Nachfolge seines sehr alten Vaters anzutreten. Bei der Krise um Katar geht es also auch um interne Machtkämpfe innerhalb der saudischen Königsfamilie.

Nun ist Katar sicherlich kein braver Chorknabe. Das Emirat unterstützt an vielen Konfliktherden extremistische Gruppierungen, wie etwa die ehemalige Nusra-Front, dem ehemaligen Ableger von Al-Kaida in Syrien. Auch in Sachen Demokratie hat sich das Emirat nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Seit 1970 wurden in Katar keine Parlamentswahlen mehr durchgeführt und politische Parteien sind dort verboten. Von den Menschenrechten, insbesondere im Zusammenhang mit den unwürdigen Zuständen auf den WM-Baustellen, ganz zu schweigen.

Kompromisslos und gewaltbereit

Doch ausgerechnet von den Saudis Terrorunterstützung vorgeworfen zu bekommen, ist geradezu grotesk. Seit mindestens 60 Jahren ist Saudi-Arabien der weltweit größte Exporteur extremistischer Ideologien und destabilisiert viele Regionen in der Welt, auch im Kaukasus, auf dem Balkan und mitten in Westeuropa. Seien es Al-Kaida, die Taliban, islamistische Gruppierungen im syrischen und zuvor im irakischen und algerischen Bürgerkrieg, extremistische Moscheen weltweit: Riads Petrodollars sorgen für eine schnelle Propagierung der wahhabitischen Lehre der Saudis, die gegenüber Andersdenkenden extrem kompromisslos und gewaltbereit ist. Das sogenannte JASTA-Gesetz, das im vergangenen Jahr vom US-Kongress verabschiedet wurde, um Opferangehörigen Klagen gegen terrorunterstützenden Staaten zu ermöglichen, ist gemünzt auf die Rolle des saudischen Staates in den Anschlägen des 11. Septembers 2001.

Bis jetzt ist Katars einzige Lebensversicherung die amerikanische Luftwaffenbasis von Udayd westlich von Doha. Die Trump-Administration behauptet zwar, dass sie keine Pläne habe, den größten Stützpunkt der Region mit über 10.000 Soldaten in ein anderes Land zu verlegen. Aber solche Worte können unter einem Präsidenten Trump sich schnell ins genaue Gegenteil verkehren. Problematisch ist auch das Verhalten der vielen Trittbrettfahrer in den westlichen Ländern, die sich jetzt anschicken, offene Rechnungen mit Katar zu begleichen. Etwa der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), Reinhard Grindel, der einen Boykott der Fußball-WM in Katar nicht mehr ausschließt und sich wünscht, dass große Turniere in Zukunft nicht in Ländern stattfinden, die aktiv den Terror unterstützten. Beim saudischen Säbelrasseln Richtung Doha dient der Terrorvorwurf aber nur als Vorwand. Den Saudis geht es vor allem um absolute Unterwerfung. Allerdings wird eine arabische Welt, in der jede oppositionelle Stimme gegenüber Saudi-Arabien ausgeschaltet ist, noch weiter im Elend versinken.

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