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Nahost

Kommentar: Jordanien und der Kampf gegen die Dschihadisten

Der jordanische König Abdullah ist zu Besuch in Washington. Er wird dort um materielle Unterstützung bitten. Doch den ideologischen Herausforderungen kann das Land nur allein begegnen, meint Kersten Knipp.

König Abdullah II. von Jordanien ist nicht zu beneiden. Das Land, das er regiert, sieht turbulenten Zeiten entgegen. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund zwölf Prozent, der Durchschnittslohn liegt bei umgerechnet etwas über 500 Euro. Ökonomisch hat das bitterarme Land nicht einen Grund zum Feiern. Auch politisch sieht es düster aus: Jahrzehnte brauchte das Land, um hunderttausende palästinensische Flüchtlinge zu verkraften. Kaum hatten die ihren Platz in der Gesellschaft gefunden,

strömen seit 2011 syrische Flüchtlinge in das Land

. Rund eine Millionen sind es inzwischen. Sie stellen die traditionell großzügige jordanische Gastfreundschaft auf eine harte Probe.

Es wird also um Geld gehen, wenn König Abdullah am Freitag (05.12.2014) vom US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama empfangen wird. Die USA unterstützen Jordanien seit Jahren. Allein in den vergangenen beiden Jahren gewährten sie dem Land Kredite von 4,5 Milliarden US-Dollar. Die entschärfen die Lage nicht nur finanziell, sondern auch sozial: Denn

auch in Jordanien

suchen nicht wenige im Islam Zuflucht vor dem sozialen Elend. Und zwar nicht nur in dem von der Staatsspitze seit Jahrzehnten geförderten gemäßigten, sondern mehr und mehr auch im radikalen Islam à la Al-Kaida und IS.

Heikles Thema: militärische Unterstützung

Kersten Knipp (Foto: Deutsche Welle)

DW-Autor Kersten Knipp

Jordanien hat derzeit auch ein Grenzproblem: Es muss sich sunnitischer Extremisten erwehren, die aus dem Irak und Syrien einzusickern drohen. Bereits im Sommer wehte über der Stadt Ma'an im Süden des Landes kurzfristig die schwarze Fahne des "Islamischen Staates". Inzwischen sieht man sie dort zwar nicht mehr, aber in nicht wenigen Herzen lodert die dschihadistische Glut weiter. Tausende Jordanier kämpfen in Syrien für den IS, das Land stellt eines der größten Kontingente dschihadistischer Kämpfer. Innerhalb der Landesgrenzen beschäftigen deren Brüder im Geiste die Gerichte: Allein in den vergangenen Monaten wurden 600 Personen wegen dschihadistischer Aktivitäten verhaftet. 150 wurden angeklagt, 15 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Wenn König Abdullah in Washington, wie allgemein erwartet, neben ökonomischer auch um militärische Unterstützung bitten wird, bewegt er sich auf sehr schmalem Grad: Einerseits muss er die Landesgrenzen schützen. Andererseits werden sich die Extremisten unter seinen Untertanen eben darüber noch mehr ereifern. Sie fühlen sich bereits durch die rund 10.000 in Jordanien stationierten US- Soldaten ebenso provoziert wie durch Abdullahs Zusage, sich an der internationalen IS-Allianz zu beteiligen.

Propaganda für Zusammenschluss von Al-Kaida und IS

In dieser Situation haben vor allem die Demagogen leichtes Spiel. Sie nutzen die Gunst der Stunde. Bereits im Sommer hatte der jordanische Extremist und Al-Kaida-Propagandist Abu Muhammed al-Maqdisi die kollektive Hysterie nach Kräften zu schüren versucht. Es sei eine "Kreuzfahrerkampagne gegen Muslime in Vorbereitung", verkündete er - und verlieh dem Kampf damit nach bester propagandistischer Manier eine scheinbar grenzenlose Dimension. Nicht radikale Dschihadisten seien bedroht, gab er damit zu verstehen, sondern Muslime weltweit - alle, ohne jede Ausnahme. Dass die Kämpfer des "Islamischen Staats" andere Muslime zu Tausenden ermordeten, folterten und vertrieben, ließ er diskret unter den Tisch fallen. Dschihadistische Kreuzfahrer, deren tödliche Energie sich vor allem gegen ihre eigenen Glaubensbrüder richtet, kamen in seiner Rede nicht vor. Stattdessen machte er Werbung für den Zusammenschluss zwischen Al-Kaida und IS: Beide hätten der "Kreis der islamischen Bruderschaft" nicht verlassen. Al-Maqdissi weiß um das psychologische Gewicht, das Worte wie "Kreuzfahrer " auf der einen und "Bruderschaft" auf der anderen in Teilen der arabischen Welt haben. Er weiß, dass sie nach wie vor geeignet sind, in Teilen der Bevölkerungen Hysterien zu entfachen und kollektive Schein-Identitäten zu begründen.

All das hat König Abdullah im Kopf, wenn er in Washington um Unterstützung bittet. Finanziell und militärisch wird man ihn unterstützen. Aber für den wichtigsten, den ideologischen Kampf, wird man ihn nicht rüsten können. Den müssen die Jordanier selbst ausfechten.

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