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Standpunkt

Kommentar: Joker Martin

Acht Monate vor der Wahl hat die SPD die Pferde gewechselt. Merkel-Herausforderer ist nun ein "Sausack", wie er sich selbst bezeichnet: Martin Schulz. Er könnte ein echter Joker werden, meint Volker Wagener.

Das ist doch mal eine Biografie: Jüngster von fünf Geschwistern aus einer ehemaligen Bergarbeiterfamilie, kein Abitur, kein Studium, dafür aber von der Schule geflogen, kurzzeitig arbeitslos gewesen, jahrelang zur Flasche gegriffen, Buchhändler geworden und dann doch die Kurve gekriegt. Das pralle Leben eben. Ich war ein "Sausack", sagt er heute etwas kokettierend mit seiner Blut-, Schweiß- und Tränen-Vergangenheit als später Schüler und junger Erwachsener.

Genosse Martin lässt die SPD entspannen

Keine Frage: Martin Schulz ist der etwas andere Berufspolitiker. Nicht so ein cleverer Rechtsanwalt oder Oberstudienrat, der sich - kaum Mitte 30 - schon in der Versorgungshängematte des Berufspolitikerdaseins räkelt. Er hat Politik vor allem an der Basis erlebt, als Bürgermeister seines Heimatstädtchens Würselen. Elf Jahre lang. Schulz ist kein alerter Politiker-Klon. Er ist kantig und kann ziemlich laut werden. Seit er als Merkel-Herausforderer nominiert ist, hat er seiner Partei schon Gutes getan.

Man spürt es: Die SPD entspannt gerade ein wenig. Mit Sigmar Gabriel als wahrscheinlichem Kanzlerkandidaten beschlich so manchen Genossen das Gefühl, den Wahltermin im Herbst nur irgendwie hinter sich zu bringen, um danach Trümmerarbeit zu verrichten. Denn die Demoskopen setzen bisher keinen Cent auf die SPD. Das Volk im Größe verheißenden Titel "Volkspartei" ist ihr auf dem Weg nach unten schon abhanden gekommen, das einst unverwechselbare programmatische Tafelsilber nur noch mit der Lupe zu finden. Und den Chef-Sozi Gabriel konnte eine große Minderheit der Partei ohnehin nicht leiden. Wie soll einer für die SPD was reißen, wenn er schon im eigenen Stall umstritten ist?

Mehr, als nur die Niederlage in Grenzen halten

Mit Martin Schulz kann sich manches ändern. Mit ihm, so scheint es, hat Gabriel einen Joker aus dem Ärmel gezogen - nach dem Motto: In auswegloser Situation irgendetwas zu tun, ist besser als gar nichts. Gewiss: Schulz ist die letzte Personal-Patrone, die die Genossen noch im Magazin haben. Denn in einer Partei, die sich in den vergangenen Jahren personell selbst verzehrt hat (Steinbrück in Rente, Steinmeier demnächst in Bellevue, Gabriel als Außenminister auf Weltreise), ist er, der frühere EU-Parlamentspräsident einer der letzten vorzeigbaren roten Promis zwischen Nordsee und Alpen. Allerdings - und das lässt sich nicht bestreiten - ist er eine bundespolitische Blackbox. Seine Position zur Rente, Gesundheitspolitik, Erbschaftssteuer? - unbekannt. Der Mann ist in Berlin wenig vernetzt. Da hat er jetzt was zu tun.  

Wagener Volker Kommentarbild App

DW-Redakteur Volker Wagener

Sein großes Plus: Er will. SPD-Kanzlerkandidaten seit Helmut Kohls Zeiten mussten vor allem eines sein: leidensfähig. Die sichere Niederlage vor Augen, bestand ihre größte Leistung darin, sich geopfert zu haben in einem chancenlosen Rennen (bis auf Gerhard Schröder von 1998 bis 2005). Schulz will mehr. Erste Umfragen beflügeln sogar die Genossen-Phantasie. Der Mann aus Brüssel rückt deutlich näher an Angela Merkel heran. Den Absturz der SPD am 24. September aufzuhalten wäre schon was, etwas dazu zugewinnen eine Überraschung, alles andere eine Sensation.              

Ein Mann gegen die Europa-Depression

Sein größter Trumpf ist seine Europa-Aura. Der Brexit, die Orbans und Kaczynskis und all die schick gewordenen Verhöhnungen der EU - ein Thema für den Wahlkampf, natürlich. Heimspiel Schulz. Und: der neue Popanz um Glanz und Stärke des Nationalstaates und seiner Souveränität, wer anders als Martin Schulz, "Monsieur Europe", der Mann ohne Hochschulreife, der dennoch fünf Fremdsprachen fließend spricht, könnte die Europa-Lethargie stoppen und dem Populismus entgegentreten? Richtig: Schulz. Aber auch Angela Merkel. Auch sie, ganz in der Tradition Helmut Kohls und der Deutschen, für die Europa immer auch ein historisches, ein politisches Ziel war und nicht nur ökonomischer Selbstzweck.

Acht Monate vor der Bundestagswahl hat der Kampf um die Macht in Berlin seine fast vorgezeichnete Langeweile verloren. Joker Schulz verspricht etwas, vielleicht viel mehr Spannung. Er ist im politischen Berlin und in der SPD so etwas wie ein spektakulärer Fußballer-Transfer. Die Vorschusslorbeeren hat er bekommen, jetzt muss er liefern.        

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