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Europa

Kommentar: Island-Rückzug ist ein Weckruf

Es lebt sich anscheinend gut als Inselvolk. Und so hat Island jetzt seinen EU-Beitrittsantrag wieder zurückgezogen. Die offensichtlichen Gründe sollten allen Europäern zu denken geben, meint Christoph Hasselbach.

Der Insel im Nordatlantik stand 2008 das Wasser bis zur Oberkante der Hafenmauer von Reykjavik. Ein aufgeblähter Bankensektor war im Zuge der weltweiten Finanzkrise praktisch von heute auf morgen pleite und drohte, den Staat mit sich in den Abgrund zu reißen. Panik ergriff die Isländer. Zwar gab es Kredite, unter anderem vom Internationalen Währungsfonds (IWF), aber das abgelegene Land fühlte sich plötzlich nicht mehr wohl in seiner splendid isolation, sondern allein und verlassen. Mit diesem Gefühl im Bauch schluckten die Isländer ihren Stolz auf ihre Unabhängigkeit schließlich herunter und klopften an die Tür der großen EU. Die hat in den Jahren danach gleich mehreren Mitgliedsländern geholfen, die ebenfalls überschuldet waren.

Jetzt hat Island seinen Antrag zurückgezogen. Viele Isländer ärgern sich zwar, dass ihre Regierung keine Volksabstimmung zu der Frage abgehalten hat, aber an dem Nein hätte die wohl nichts geändert. Der Abschied von der EU kommt nicht überraschend und hat sich bereits seit längerem angedeutet.

Vorteile genießen, Nachteile vermeiden

Wie kam der Stimmungsumschwung zustande? Die Frage des Fischfangs spielt wohl nur eine, vielleicht nicht einmal die wichtigste Rolle. Denn man wusste ja von Anfang an, worauf man sich einließ. Es stimmt: Der Fischfang ist sehr wichtig für Island, und die Insel hätte sich bei einer EU-Mitgliedschaft in das System der Fangquoten integrieren müssen. Andererseits ist Island Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums und kann seine Fische zollfrei in die EU exportieren. Island ist außerdem über die Nordische Passunion Teil des grenzkontrollfreien Schengen-Raums. Das erleichtert den Tourismus enorm - ebenfalls eine wichtige Einnahmequelle. Mit anderen Worten: Island hat auch ohne EU-Mitgliedschaft eine Reihe von Vorteilen des großen Staatenverbunds und will dessen Nachteile vermeiden.

Wer Geld hat, bleibt draußen

Einige dieser Nachteile konnten die Isländer nun mehrere Jahre lang auf sich wirken lassen. Sie konnten zum Beispiel beobachten, dass die EU und vor allem die Euro-Staaten Unsummen in die Hilfe anderer überschuldeter Mitglieder gesteckt haben.

Christoph Hasselbach Foto: DW/M.Müller

DW-Redakteur Christoph Hasselbach

Im Falle Griechenlands mit dem Ergebnis, dass das Land heute kaum besser dasteht als zu Beginn der Hilfe, Reformen ablehnt und die Helfer sogar noch beschimpft. In solch einen Club will niemand eintreten, der es nicht muss. Island dagegen hat sich in der Finanzkrise weitgehend selbst geholfen, so wie andere EU-Länder übrigens auch, und steht heute wieder ziemlich solide da. Denkt Norwegen daran, der EU beizutreten? Nein. Die Schweiz? Warum sollte sie? Überlegen Schweden, Dänemark oder Großbritannien, den Euro einzuführen? Heute weniger als je zuvor. Alle diese Staaten könnten die Voraussetzungen leicht erfüllen. Sie wollen aber nicht. Was sie gemeinsam haben: Sie alle sind wohlhabend und wettbewerbsorientiert.

Angst vor dem Fass ohne Boden

Daraus ergibt sich ein erschreckender Schluss: Die EU ist offenbar nur noch für Habenichtse und Reformverweigerer attraktiv. Wer es sich leisten kann, bleibt entweder ganz draußen oder behält zumindest die eigene Währung und muss sich dann nicht an Zahlungen in ein Fass ohne Boden beteiligen. Das ist zumindest der verbreitete Eindruck. Die EU hätte Island mit offenen Armen empfangen. Doch genau darin sehen viele Isländer den Haken. Denn Island wäre in erster Linie als Zahlmeister willkommen. Doch wer will sich schon gern ausnutzen lassen? Der isländische Rückzieher dürfte auch in Großbritannien nicht ohne Folgen bleiben. Dort werden die Euroskeptiker in ihrer Meinung bestärkt, ihr Land sei außerhalb der EU, aber immer noch innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums besser aufgehoben - so wie Norwegen, die Schweiz und eben auch Island.

Wenn es mehr Irlands gäbe...

Der isländische Rückzieher muss ein Weckruf sein. Die wettbewerbsschwachen Länder im Süden - und dazu zählen leider auch die Schwergewichte Italien und, trotz geographischer Mittellage, Frankreich - müssen sich mehr anstrengen. Sonst kommt es irgendwann zum Bruch zwischen Nord und Süd. Dass Solidarität nicht endlos sein muss, zeigt am besten das Beispiel Irland. Ähnlich wie Island, war auch Irland vor allem durch seine überschuldeten Banken schwer angeschlagen. Durch Hilfe der EU und des IWF und nach einem radikalen Spar- und Reformprogramm steht Irland heute wieder gut da und verzeichnet die höchsten Wachstumsraten der gesamten EU. Es gab dort übrigens kaum Gejammer. Man tat einfach, was man für notwendig hielt. Gäbe es mehr Irlands, wäre die Stimmung in Island heute vielleicht eine andere.

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