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Deutschland

Kommentar: Islamisierung durch Katholiken?

Die Bundesregierung hat den Migrationsbericht 2013 vorgelegt. Er listet auf, wer von wo nach Deutschland gekommen ist und wer das Land wohin verlassen hat. Die "Pegida" dürften überrascht sein, meint Felix Steiner.

Wenn am Abend in Leipzig wieder Tausende Bürger gegen die angebliche "Islamisierung des Abendlandes" durch die Straßen ziehen, dann möchte man ihnen den neuesten Migrationsbericht der Bundesregierung vor die Füße werfen. Auf dass sie stolpern mögen und, wenn sie dann auf der Nase liegen, selbige einfach mal in das dicke Zahlenwerk stecken. Lesen bildet bekanntermaßen.

Das Schöne an dem 312 Seiten starken Bericht aus dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Er listet akribisch eine Fülle von Zahlen auf, aber er wertet sie nicht. Der Vorwurf, die Statistik sei ein Produkt der "Lügenpresse" oder sonstiger Manipulation, sticht in diesem Fall also nicht. Diese Zahlen sind unbestechlich.

Statistik widerlegt Vorurteile

Manche Zahl bedient ganz sicher die auf Deutschlands Straßen und an den Stammtischen gepflegten Klischees. Manche Daten dürften viele Eiferer aber ganz einfach überraschen. Obwohl es sich mitnichten um neue Entwicklungen handelt. Aus welchem Land kommt zum Beispiel die größte Zuwanderergruppe nach Deutschland? Aus der Türkei? Dem Kosovo? Afghanistan? Das entspräche gängigen Vorurteilen. Aber weit gefehlt: Aus Polen stammt das größte nationale Kontingent - wie übrigens schon seit 1996. Von Integrationsproblemen oder Ghetto-Bildung der Polen hat man im Übrigen noch nie etwas gehört, trotz der Größe der Gruppe. Feierlaune dürfte ob dieses Befundes eher an deutschen Bischofssitzen denn in islamischen Moscheevereinen aufkommen - sind die allermeisten Polen doch treue Katholiken und damit garantierte Kirchensteuerzahler.

DW-Redakteur Felix Steiner (Foto: DW)

DW-Redakteur Felix Steiner

Überhaupt: Drei Viertel aller Zuwanderer nach Deutschland kommen aus Europa. Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Italien, Griechenland, Russland und Spanien sind nach Polen in genau dieser Reihenfolge die wichtigsten Herkunftsländer. Alles mehrheitlich christliche Nationen. Richtig: Die Statistiker zählen auch die Türkei zu Europa. Aber ausgerechnet die Türkei ist eines der beiden Länder, in die mehr Menschen aus Deutschland abgewandert sind als umgekehrt. Die Islamisierung Deutschlands auf breiter Front fällt also bis auf weiteres aus.

Richtig ist allerdings auch: Die Zuwanderung nach Deutschland wächst. Rund 430.000 Menschen mehr sind nach Deutschland zu- als weggezogen. Dafür gibt es zwei einfache Gründe: Zum einen ist die Zahl der Asylbewerber sprunghaft angestiegen, zum anderen leidet Südeuropa unter einer massiven Wirtschaftskrise. Anders als früher zieht es kaum noch jemanden in die warmen Länder am Mittelmeer. Im Gegenteil - die jungen Leute von dort kommen nach Deutschland.

Deutschland braucht Zuwanderer

Trotzdem muss sich niemand sorgen, Deutschland könnte zu dicht bevölkert werden. Ein Zuwanderungsgewinn von 430.00 Personen relativiert sich stark angesichts eines Sterbeüberschusses von rund 200.000 Menschen. Will heißen: Angesichts der Altersstruktur der in Deutschland lebenden Menschen ist das Land dringend auf Zuwanderung angewiesen, wenn es seinen Wohlstand bewahren will. Denn spätestens in zehn Jahren, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der heutigen Mittfünfziger in den Ruhestand gehen, wird die Bundesrepublik unter einem massiven Arbeitskräftedefizit leiden.

Deutschland muss vorsorgen für den Fall, dass Südeuropa seine Krise bis dahin überwunden haben sollte: Allein humanitäre Gründe - wie im Falle der Flüchtlinge - oder der Familiennachzug können nicht die einzigen Auswahlkriterien sein, entsprechend derer Migranten hier eine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis erhalten. Auch wenn vielen Deutschen das immer noch ungewohnt erscheinen mag: Ein Einwanderungsgesetz, das definiert, welche Menschen mit welchen Qualifikationen Deutschland dringend braucht, wäre ein guter Weg, um die wirtschaftliche Zukunft des Landes zu sichern. Und ein solches Konzept sollte die Politik dann auch gegenüber den Demonstranten auf deutschen Straßen verteidigen können.

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