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Standpunkt

Kommentar: In Katalonien geht es nicht um Selbstbestimmung

Die Wirtschaft werde auch ohne Spanien florieren, verspricht die katalanische Regierung, weil Katalonien alsbald EU-Mitglied werde. Diese Lüge entlarvt die kruden Motive der Separatisten, meint Jan D. Walter.

Noch haben die Separatisten in Katalonien keine Mehrheit im Volk. Ein Grund dafür ist, dass sich dort viele Menschen ebenso oder gar mehr als Spanier denn als Katalanen fühlen. Jeweils rund die Hälfte gibt Spanisch beziehungsweise Katalanisch als Muttersprache an.

Ein weiterer, vielleicht der wichtigere Grund ist der: Die Katalanen leben seit 40 Jahren so politisch selbstbestimmt wie seit mindestens 300 Jahren nicht mehr. Weltweit verwaltet sich kaum ein Landesteil so autonom wie Katalonien.

Viele wissen das. Und viele erinnern sich auch noch daran, dass sie sich nach der Franco-Diktatur mehrheitlich für die Spanische Verfassung entschieden. Und damit einen gewissen Teil ihrer politischen Selbstbestimmung in die Hände der Zentralregierung in Madrid legten. Bei einer Wahlbeteiligung von gut zwei Dritteln stimmten 1978 mehr als 90 Prozent der Katalanen hierfür.

Wiedererlangung der verlorenen Souveränität

Dennoch ist der Anteil der Katalanen gewachsen, die aus ihrer Region einen souveränen Staat machen wollen. Oder zumindest werden sie seit zehn Jahren immer präsenter, während die Gegner der Unabhängigkeit sich kaum organisieren.

Walter Jan D. Kommentarbild App

DW-Redakteur Jan D. Walter

Als EU-Skeptiker könnte man hinter dem katalanischen Separatismus eine Frustration darüber vermuten, dass Madrid mit dem spanischen EU-Beitritt wiederum einen Teil der nationalen Selbstbestimmung an Brüssel abgegeben hat. Schließlich speist sich die wachsende EU-Kritik vielfach aus genau diesem Problem: dass viele EU-Bürger das Gefühl haben, viel von ihrer politischen Gestaltungsmöglichkeit verloren zu haben. Das Brexit-Referendum ist nicht zuletzt Ausdruck dessen gewesen.

Auch in Katalonien gibt es Menschen, die so denken. Und manche von ihnen dürften sich mit Blick auf die wachsenden Spannungen zwischen Barcelona und Madrid die Hände reiben, denn Katalonien würde auf Jahre aus der EU ausscheiden. Mit dem Erstarken der Unabhängigkeitsbewegung haben sie jedoch herzlich wenig zu tun.

Den Granden des katalanischen Separatismus geht es jedoch nicht um Kleinstaaterei, und - selbst wenn sie angeblich den Untergang ihrer Kultur befürchten - auch die identitäre Bewegung liegt ihnen fern.

Den Separatisten geht es nicht um Selbstbestimmung

Die wahren Gründe dafür, dass katalanische Politiker mit Hochdruck und zunehmendem Erfolg an der Abspaltung arbeiten, liegen ganz woanders: Teilweise sind es korrupte Eliten, die sich vor der spanischen Justiz in die Unabhängigkeit retten wollen, andere wollen schlicht ihre Macht ausbauen oder wittern ihre Chance, Geschichte zu schreiben.

Bezeichnenderweise bedienen sich gemäßigte rechte wie extreme linke Nationalisten sehr ähnlicher Parolen, um den eingeschlafenen Nationalismus ihrer potenziellen Wähler wachzurütteln. In aller Kürze lauten sie: Katalonien werde von Madrid ausgebeutet und kulturell unterdrückt.

Dass diese Thesen mindestens umstritten bis haltlos sind, ist nebensächlich. Denn sie fallen auf den fruchtbaren Boden der Unzufriedenheit: 2012 schlug die internationale Finanzkrise von 2007 mit voller Wucht auf die spanische Wirtschaft durch mit Arbeitslosenquoten von weit über 20 Prozent - auch im wirtschaftsstarken Katalonien.

Die Lüge von einem unabhängigen Katalonien in der EU

Das vorläufige Ergebnis ist eine Regierungskoalition in Barcelona aus rechten und extrem linken Separatisten. Die schlagen nun vor, aus Katalonien ein souveränes Mitglied der EU zu machen. Denn dass ein Herauslösen Kataloniens aus dem Euro und dem Wirtschaftsraum der EU unweigerlich ökonomische Verwerfungen zur Folge hätte, ist auch den Separatisten klar. Deshalb tun sie so, als könne ein unabhängiges Katalonien nahtlos der EU beitreten.

Doch das ist natürlich Unfug. Selbst wenn Madrid sein Veto in Brüssel nicht nutzen würde - zum Beispiel weil die wirtschaftliche Verknüpfung mit der (nach Madrid) zweit reichsten Region zu wichtig für anderen Teile des Landes ist: Frankreich, Belgien und Italien würden den Beitritt Kataloniens ganz bestimmt auf ungewisse Zeit verhindern, um ihren ebenfalls separatistisch gesinnten Regionen Korsika, Flandern und Lombardei keine zusätzlichen Argumente zu liefern.

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