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Kommentare

Kommentar: In der Not geht's in die Kirche

Deutschland gedenkt der Toten der Germanwings-Flugzeugkatastrophe im Kölner Dom. Die Form des Innehaltens zeigt die Bedeutung der Kirchen in Momenten gesellschaftlicher Not - immer noch, meint Christoph Strack.

150 Leben abgebrochen, grausam vernichtet, 149 mutmaßlich aus dem Entschluss eines einsamen Kranken heraus. Zahlreiche Schulkinder, auch mehrere Babys. Hunderte Familien in Trauer und Verzweiflung. Auch die Leben der Angehörigen brechen ein und werden vielleicht kaum wieder gut. Und nun hält Deutschland inne, mit einem Gottesdienst im Kölner Dom und einem kurzen Staatsakt an gleicher Stätte.

Ob es den Staatsakt braucht bei einem dramatischen Ereignis dieser Art, das die Gesellschaft, nicht den Staat erschütterte – die Frage gibt es. Doch unstrittig ist der ökumenische Gottesdienst. Mögen Soziologen über Jahrzehnte den Niedergang, das Verdunsten religiöser Tradition beschworen haben – sie kann auch lebendig und notwendig sein. Selbst im aufgeklärten Verfassungsstaat.

Nach Katastrophen stets ein Gottesdienst

Die Entscheidung für einen großen und doch trotz aller Öffentlichkeit möglichst würdevollen Gottesdienst entspricht einem Muster: Als in den frühen Morgenstunden des 1. Juni 2009 ein Air-France-Flugzeug auf dem Weg von Brasilien nach Frankreich über dem Atlantik abstürzte und 228 Menschen, darunter 28 Deutsche zu Tode kamen, folgte in der evangelischen Düsseldorfer Johanneskirche ein Gedenkgottesdienst für alle Trauernden in Deutschland. Und nach der Tragödie bei der Duisburger Love-Parade im Juli 2010, der 21 Menschen zum Opfer fielen, bot die evangelische Salvatorkirche der Stadt diesen Ort. Für eine Feier, die wegen des Andrangs in mehrere andere Gotteshäuser der Stadt übertragen wurde.

Strack Christoph Kommentarbild App

Christoph Strack, Korrespondent im DW-Hauptstadtstudio

Und in beiden Fällen war es – wie jetzt, im März 2015 - die Staatskanzlei der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, die die Initiative zu der Feier im kirchlichen Raum ergriff und diesen Wunsch den Kirchen vortrug. Die Verantwortlichen suchen einen passenden Rahmen für die einsame Trauer des einzelnen wie für die gemeinsame Fassungslosigkeit. Dabei wird der katholische Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki (der, damals noch als Kölner Weihbischof, bereits 2009 in Düsseldorf mit dabei war) ebenso wie die westfälische Präses Annette Kurschus keine neuen Worte finden. Nein, es geht mehr um das gemeinsame Aushalten und Zulassen von Fragen, das Mit-Teilen der Verzweiflung und der schrecklichen Fragen, als um den schnellen Trost frommer Worte. All das gilt längst nicht nur für die Familien der Opfer. Aus den stummen Gesichtern der Politiker, die den Absturzort in den französischen Alpen besuchten, sprachen die Fragen. Und wie viele Ersthelfer, seien es Rettungskräfte, Psychologen oder Notfallseelsorger, kommen in den Tagen nach dem Einsatz an ihre Grenzen? In Duisburg 2010 brauchten selbst Seelsorger anschließend Beistand.

Den Ort finden die Menschen, zumindest in den westlichen Bundesländern, in den Kirchen. Nach wie vor. Gesellschaft ist häufig auf Dynamik, auf Erfolg angelegt, der Staat auf ein Funktionieren und auf die Verwirklichung der schier unbegrenzten Möglichkeiten. Die überkommene christlich-jüdische Tradition steht für Befreiung, Heilung und Nähe Gottes. Sie bietet aber auch den Rahmen für die Klage gegen den, den man Gott nennt, für das schlichte Aushalten des Nicht-Auszuhaltenden. Da sind die Klage-Psalmen und das alttestamentarische Buch Hiob, da sind aber eben auch Rituale und Gebete. Und wenn Trauernde an diesem Freitag wieder tausende Kerzen auf den Stufen unterhalb des Doms entzünden werden, ist das ein religiöses Zeichen - geweitet in die säkulare Welt.

Kirche als Ort der Trauer und Klage

Nun gibt es in Köln nach dem Gottesdienst an gleicher Stätte, im würdigen Dom, einen Staatsakt. Vom Rahmen her ist das verständlich. Aber mindestens so wichtig wie das offizielle staatliche Wort - diesmal gesprochen von Bundespräsident Joachim Gauck - ist die Anwesenheit der weiteren "Verfassungsorgane" - die Kanzlerin, die Spitzen von Bundestag und Länderkammer, der oberste Richter des Landes. Sie können niemandem ihr Glück zurückgeben, aber sie können den Trostlosen zeigen, dass sie nicht allein sind. Ein großes, auch gewagtes Versprechen (und die schwierige Aufarbeitung der Love Parade-Katastrophe zeigt, dass es eine schwere Zusage sein kann).

Die einzige Rednerin nach der Duisburger Tragödie 2010 war Hannelore Kraft, die als Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen auch jetzt die Einladende ist. "Wir können ihren Schmerz nicht ermessen und nicht lindern", sagte sie. Aber sie bitte die Menschen doch, ihre Herzen zu öffnen für alle, "die Ihnen Trost spenden wollen und Ihnen über den Verlust eines unersetzlichen, geliebten Menschen hinweghelfen möchten. Sie sind nicht allein." Gewiss gute Worte, aber wichtiger, so scheint es, ist das Zusammenstehen in Gemeinschaft und der Ort. Ein Ort wie der Dom, an dem man seine Wut und seine Hoffnung abladen kann.

In den vergangenen Jahrzehnten war Religion gelegentlich mit Wohlfühlstimmung und Wellness gleichgesetzt - aber schon die Tempel der Antike und noch die Gotteshäuser der Moderne, in Deutschland eben die Kirchen, sind eben auch Orte der Klage, der Verzweiflung, auch des Verstummens.

Kein Grund zu Selbstberuhigung

Den Kirchen sollte all das kein Grund zur Selbstberuhigung sein. Aber gelegentlich staunen die Buchhalter in den kirchlichen Apparaten ja geradezu darüber, dass nur zwischen zehn und 15 Prozent der Kirchenmitglieder (und Kirchensteuerzahler) den Sonntagsgottesdienst besuchen oder sonst am Leben der Kirchengemeinde teilnehmen, aber noch immer rund 60 Prozent der Deutschen einer christlichen Kirche angehören und Kirchensteuern zahlen.

Vielleicht mag da die Hoffnung auf Halt in Extremsituationen ein Grund sein. Der Ausbau kirchlicher Angebote wie der Notfallseelsorge, der Angebote zur Krisenbewältigung oder auch der Sterbebegleitung, die in dieser Form der Staat nie wird leisten können, mag dem mehr entsprechen, als man gemeinhin denkt. Das geschieht leiser als der Bau des Limburger Bischofshauses, hat aber seinen existenziellen Sitz im Leben. Und wird ganz offensichtlich gebraucht, wie an solchen Tagen deutlich wird.

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