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Standpunkt

Kommentar: In der Eskalationsspirale am Tempelberg

Die Stimmung heizt sich immer weiter auf, fast jeden Tag sind neue Todesopfer im Zusammenhang mit der Tempelbergkrise zu beklagen. Israel hat es in der Hand und muss zur Vernunft zurückkehren, meint Tim Aßmann.

Israel verschärfte Sicherheitsvorkehrungen am Tempelberg in Jerusalem (picture-alliance/newscom/D. Hill)

Die verschärften Kontrollen vor allem mit Metalldetektoren am Jerusalemer Tempelberg sind Stein des Anstoßes

Am Anfang stand noch die Vernunft. Schon kurz nachdem Terroristen zwei Polizisten erschossen und sich im Anschluss einen blutigen Showdown auf dem Tempelberg geliefert hatten, beeilte sich Benjamin Netanjahu zu erklären, am Status Quo der Heiligen Stätte werde sich nichts ändern. Israels Regierungschef war in diesem Moment erkennbar bemüht, kein Öl ins Feuer zu gießen. Netanjahu war sofort klar, dass der Anschlag und die Entscheidung die Freitagsgebete aus Sicherheitsgründen zu untersagen, das Potenzial hatten einen Flächenbrand auszulösen.

Ein politisch wie religiös aufgeladener Ort

Das Hügelplateau in Jerusalems Altstadt ist politisch wie religiös aufgeladen wie kaum ein anderer Ort in der Welt, also bekräftigte der israelische Premier, dass Gebete auf dem Berg nur Muslimen gestattet sind und dass eine islamische Stiftung das Areal mit seinen zwei Moscheen auch weiterhin verwaltet. Als Netanjahu den Status quo unterstrich, hatte es bereits Forderungen aus seiner Regierungskoalition gegeben, die Regelung als Reaktion auf den Mord an den Polizisten zu überprüfen. Netanjahu aber hielt diesem Druck aus dem eigenen Lager stand. Er führte sogar eines seiner sehr seltenen Telefonate mit Palästinenserpräsident Abbas, der ebenfalls bemüht war, eine Eskalation zu verhindern.

Tim Aßmann Kommentarbild App PROVISORISCH (BR/Foto Sessner)

Tim Aßmann ist ARD-Korrespondent in Tel Aviv

In diesen Stunden siegte also die Vernunft. Leider war das nicht von Dauer: Netanjahu traf eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, als er dem Aufstellen von Metalldetektoren an den Eingängen zum Tempelberg zustimmte. Dass die Muslime dies als entwürdigend, als unzulässige Einmischung und als Angriff auf den Status quo sehen würden, war absehbar. Zu groß ist das Misstrauen, dass Israel den Anschlag nutzt, um die Verhältnisse auf dem Berg zu ändern - den Status also quo schleichend abzuschaffen.

Schon lange fordern Politiker der Regierungsparteien, auch Juden Gebete auf dem Tempelberg zu gestatten. Benjamin Netanjahu wusste um diese Ausgangslage, doch er entschied sich für die Metalldetektoren. Ein Fehler. Was mehr Sicherheit bringen sollte, brachte einen Ausbruch der Gewalt und Israels Regierungschef in eine Zwickmühle: Einen Abbau der Detektoren würden ihm die Hardliner in der Koalition als Schwäche auslegen. Bleiben die Detektoren stehen, bringt Israels Regierung die gesamte muslimische Welt weiter gegen sich auf.

Der Druck auf beide Seiten steigt

Netanjahu duckte sich tagelang weg, hoffte während einer Auslandsreise offenbar, dass sich die Lage beruhigen würde - was sie natürlich nicht tat. Der Druck stieg - auch auf Mahmud Abbas, der mittlerweile jede Zusammenarbeit mit den Israelis auf Eis legte, solange bis Israel in der Frage der Metalldetektoren einlenkt. Es geht nun also - einmal mehr im Nahostkonflikt - um Gesichtswahrung.

Und die Eskalationsspirale dreht sich weiter. Nach dem Mord an drei Israelis durch einen jungen Palästinenser verschärfte Israel die Sicherheitsmaßnahmen, und Teile seiner Regierung fordern von Netanjahu mehr Härte. Wenn er die zeigt, wird sich die Tempelbergkrise aber nur weiter verschärfen. Stattdessen sollte Israel einlenken,  die Detektoren abbauen und sie auch nicht durch andere Maßnahmen ersetzen. Ein solcher Schritt würde Netanjahu zwar von seinen Kritikern als Schwäche ausgelegt, er wäre aber vor allem eines: die Rückkehr der Vernunft.

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