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Wissen & Umwelt

Kommentar: Impfentscheidung nicht den Eltern überlassen!

Die Impfbereitschaft in Deutschland geht zurück, weil Technologiefeindlichkeit und Öko-Ideologie gesellschaftsfähig sind. Aber hier muss der Staat die Kinder vor ihren Eltern schützen, meint Fabian Schmidt .

Dass ausgerechnet im hochentwickelten Industriestaat Deutschland überhaupt eine Masern-Epidemie ausbrechen kann, ist ein Skandal. Denn das muss nicht sein: Die klassische Masern- Mumps- und Röteln-Impfung funktioniert längst so gut, dass Masern eigentlich ausgerottet sein könnten. Und eigentlich sollte Deutschland bei der weltweiten Bekämpfung der Masern ganz vorne mit dabei sein. Laut WHO-Statistik waren 2013 immerhin 97 Prozent der Gesamtbevölkerung gegen die Seuche immunisiert.

Ideologische Vorbehalte verhindern optimalen Schutz

Aber die Realität in deutschen Kindergärten und Schulen sieht längst anders aus: Laut einer Studie aus demselben Jahr werden nur noch 37 Prozent der Kinder so gegen Masern geimpft, wie es die ständige Impfkommission empfiehlt - nämlich zweimal in den ersten beiden Lebensjahren. Nur die Doppel-Impfung garantiert lebenslangen Schutz. Immerhin werden zwar noch 86 Prozent der Kinder einmal geimpft, aber nur 62 Prozent zweimal -und einige eben möglicherweise zu spät.

Deutsche Welle Fabian Schmidt

DW-Redakteur Fabian Schmidt

Der Grund dafür ist vielfach nicht die Schlampigkeit der Eltern, die Impftermine verpassen, sondern ideologische Verbohrtheit. Denn ausgerechnet im Wohlfahrtsstaat Deutschland herrscht eine irrationale Ablehnung von moderner Chemie und Medizin.

Die Verteufelung von Atomkraft, Chlorhühnchen, transgenen Pflanzen, Polycarbonat und H-Milch ist eine Seite dieser Öko-Lifestyle-Medaille - die Impfgegnerschaft ist die andere. Gerade in der anthroposophisch angehauchten Paradieswelt des biologisch-dynamisch geläuterten Bildungsbürgertums gilt es als chic, sich gegen die Modernität aufzulehnen.

Ausgerechnet die, die es eigentlich besser wissen müssten

Es ist zwar paradox, aber stimmt: Gerade Mütter mit gutem Bildungsabschluss und hohem sozioökonomischem Status sind bei den Impfgegnern überdurchschnittlich stark vertreten. Die Sehnsucht nach "Natürlichkeit" und "Ursprünglichkeit" versperrt die Sicht auf das, wovor uns die moderne Industriegesellschaft mit ihrer Schulmedizin und ihren technischen Errungenschaften bewahrt, nämlich Krankheit, Siechtum, Armut und Dreck.

Leidtragende dieser Ideologie sind die Kinder. Ihnen bleibt eine bestmögliche medizinische Versorgung vorenthalten, wenn ihre Eltern sich auf Impfabstinenz, Homöopathie oder anderen abergläubischen Hokuspokus versteifen. Aber das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit muss immer höher stehen, als das Recht der Eltern auf Selbstverwirklichung im Lebensstil. Hier hört der Spaß auf. Deshalb brauchen wir eine Impfpflicht in Deutschland.

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