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Kommentare

Kommentar: Ich bin gern ein Gutmensch!

Eine unabhängige Jury hat "Gutmensch" zum Unwort des Jahres gewählt. Treffender könnte sie vor der drohenden Spaltung der deutschen Gesellschaft kaum warnen, meint DW-Redakteur Stefan Dege.

Bin ich ein Gutmensch? Weil ich warme Decken für Flüchtlinge spende? Weil ich an Weihnachten Fremde an den Familientisch hole? Weil ich der Meinung bin, als Christen sollten wir den Geflüchteten helfen, selbst wenn sie anderen Glaubens sind und kulturell anders geprägt sind? Kann sein!

Und was ist dann ein "Schlechtmensch"? Einer, der Angst vor Überfremdung hat? Der Flüchtlingsheime anzündet? Der, wie Pegida, Woche um Woche gegen den Zuzug notleidender Menschen demonstriert? Der von seinem Reichtum nichts abgeben will und sich abschottet? Der Ausländer zusammenschlägt? Möglich!

In Internetforen hat das Wort Konjunktur

Die Unterteilung in Gutmensch oder Schlechtmensch hilft nicht weiter. Schwarz-Weiß-Malerei schadet. Gleichwohl: Wer das Wort benutzt, verunglimpft den Andersdenkenden als idealistisch, naiv und dumm. Konservative und Rechte machen das. In Internetforen hat das Wort Konjunktur, wo "Gutmenschen" mit Ironie, Gehässigkeit und Geringschätzung überschüttet werden, wo Rassismus grassiert - besonders gerne im Schutz von Anonymität.

Als Unwort taugt "Gutmensch" doch nur, weil es auf fruchtbaren Boden trifft. Wo Menschen nicht sicher wissen, woran sie glauben, wovon sie überzeugt sind, was ihnen wichtig ist, wer sie sind, da - und nur da - entfaltet sich der höhnische Gehalt des Wortes. Verunsicherung hat sich breit gemacht. Deutschland steckt in einer Identitätskrise. Der Glaube an seine Stärken, nicht die wirtschaftlichen, sondern die moralischen, rechtlichen und politischen, wankt.

Um Debatten kommt unsere Zivilgesellschaft nicht herum

Warum ist nach der Silvesternacht in Köln, als ein Männer-Mob Frauen sexuell belästigt und bestohlen hat, von Staatsversagen die Rede? Wieso können rechte Schläger durch die Straßen ziehen und Jagd auf Ausländer machen? Wieso debattiert die Politik schärfere Ausländergesetze? Warum macht die Polizei nicht einfach ihre Arbeit? Warum werden bestehende Gesetze nicht angewendet? Warum gibt es nicht genügend Sprach- und Integrationsangebote für Geflüchtete?

Um Debatten kommt unsere Zivilgesellschaft also nicht herum - über gut und böse, richtig oder falsch. Polarisierung müssen wir ertragen. Aber bitte nicht vergessen: Deutschland ist eine gefestigte Demokratie, die auf christlichen Werten basiert. Wer so "dumm" ist, an das Gute im Menschen zu glauben, wer die Fahne der Willkommenskultur im reichen Deutschland hochhält, der hat meine Sympathie. Da bin ich gern ein "Gutmensch" und schlage das Unwort auch gleich als "Wort des Jahres" vor.

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