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Aktuell Amerika

Kommentar: Hillarys Hypotheken

Hillary Clinton hat ihre Kandidatur für die US-Präsidentschaft offiziell bekannt gegeben. Auch wenn sie derzeit übermächtig erscheint, ist der Sieg noch lange nicht sicher, meint Gero Schließ.

Warum eigentlich will Hillary Clinton Präsidentin werden? Angesichts der monatelangen Spekulationen über ihre mögliche Kandidatur ist diese Frage in den Hintergrund getreten. Jetzt, wo sie sich endlich offiziell erklärt hat, tut sich plötzlich eine Leere auf. Denn wofür die frühere First Lady, Senatorin und Außenministerin steht, warum sie mit 67 Jahren noch einmal in den beinharten Wahlkampf für das höchste Amt zieht, ist auch nach ihrer Videobotschaft zum Kampagnestart nicht klar.

Ein gottgebenes Naturereignis?

Das wird sie sehr bald deutlich machen müssen, auch wenn es zur Zeit so aussieht, als dass alles auf sie hinausläuft und ihre Präsidentschaft gleichsam wie ein gottgegebenes Naturereignis über die Amerikaner hernieder kommt.

Sicher, Hillary Clinton will sich für die Mittelklasse einsetzen. Das ist populär, auch Präsident Obama verspricht das ständig. Doch er hat nicht verhindern können, dass es die hergebrachte Mittelschicht in den USA kaum noch gibt, stranguliert durch die Finanz- und Immobilienkrise, durch stagnierende Einkommen, steigende Ausbildungs- und Lebenshaltungskosten und vieles mehr. Auch Clintons Beschwörung der Chancengleichheit ist ein alter amerikanischer Wahlkampfschlachtruf, in den auch jeder Republikaner einstimmen könnte. Dagegen sucht man nach ihren Beiträgen zu den brutalen Polizeiübergriffen und der aktuellen Rassendiskussion vergeblich. Auch den atemberaubenden gesellschaftlichen Wandel, den der Siegeszug der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA ausgelöst hat, hat sie öffentlich kaum mitbegleitet. Und selbst bei "harten" Themen wie der Regulierung der Finanzmärkte hat sie sich nicht positioniert.

Deutsche Welle Gero Schließ

Gero Schließ, DW-Korrespondent in Washington

Dass Hillary Clinton im Vorfeld der Kandidatur jede inhaltliche Festlegung vermied, hat ihr in ihrer Partei nicht geschadet. Im Gegenteil: Clinton wirkt fast schon übermächtig, sie hat sich geschickt in eine Pole-Position manövriert. Von innerparteilichen Wettbewerbern ist weit und breit nichts zu sehen.

Möglicherweise ist sie im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur sich selbst der größte Gegner. Clinton gilt nicht als kampagnestark. Sie macht Fehler, wenn sie unter Druck steht, wie zuletzt im Umgang mit der Affäre um die Nutzung eines privaten E-Mail Accounts in ihrer Zeit als Außenministerin. Oder während der landesweiten Werbetour zu ihrer Autobiographie, bei der sie unsensibel über Geld und Reichtum redete. Die Niederlage bei ihrem ersten Präsidentschaftswahlkampf gegen einen anfänglich unbekannten Außenseiter namens Barack Obama hat sie tief getroffen. Das hat sie nie losgelassen und prägt auch sichtbar die jetzige Kampagne.

Profi an der Seite

Mit John Podesta hat sich Clinton einen Politprofi als Wahlkampfmanager geholt, der schon Ehemann Bill durch die Lewinsky-Affäre lotste und Barack Obama half, seine Präsidentschaft zu stabilisieren. Podesta hat zunächst kosmetische Korrekturen vorgenommen. Um das Image der kalten Machttechnokratin loszuwerden, inszeniert sich Clinton nach der Geburt ihrer Enkelin als liebende Großmutter. Ganz nebenbei kommt sie damit Fragen nach ihrem Alter zuvor, das sich als Hypothek erweisen könnte.

Die erdrückende Übermacht ihres Kampagneapparates, die 2008 abschreckend wirkte, will Clinton vergessen machen, indem sie zunächst die Wähler in Wohnzimmern und Küchen aufsucht und Großveranstaltungen meidet.

Keine Begeisterungsstürme

Doch die Herkulesaufgabe steht erst noch bevor: Clinton und ihr Team sollte nachdenklich stimmen, dass die Verkündung der Kandidatur im Land keine Begeisterungsstürme ausgelöst hat – und das trotz durchweg guter Umfragewerte. Mangels Alternativen sehen viele in ihr eher das kleinere Übel als die große Staatsfrau. Gefährlich werden könnte ihr auch der verbreitete Überdruss am politischen Establishment, als dessen prominenteste Protagonistin sie gilt. Ihre Stärke als erfahrene und erprobte Politikerin ist gleichzeitig ihre Schwäche. Man kann sich kaum vorstellen, dass ihr nach mehr als 25 Jahren auf der politischen Bühne noch etwas Neues einfällt.

Aber genau darum geht es jetzt: Hillary Clinton muss sich neu erfinden, muss gemeinsam mit ihrem Team überzeugende Botschaften entwickeln und klar machen, warum sie es noch einmal wissen will. Dabei ist ihr Nachteil, dass sie eine gute Außenministerin war, aber in den entscheidenden innenpolitischen Themen wie Wirtschaft, Gesundheitspolitik oder innere Sicherheit wenig Kompetenz gezeigt hat.

Gegen die in Washington

Die Republikaner auf der anderen Seite gehen selbstbewußt und mit viel Geld in den Wahlkampf. Auch wenn die Präsidentschaftsbewerber von Ted Cruz bis Rand Paul radikale Nischenpositionen beziehen, können sie Clinton gefährlich werden. Denn sie mobilisieren in ihrer zeitgleich angelaufenen "Stopp Hillary"-Kampagne Ressentiments "gegen die in Washington" und stellen Clinton als rückwärtsgewandt und eine Art Obama-light in die Ecke der Geschichte.

Dort gewinnt man aber keine Wahlen, sondern man verliert sie. Die Mehrheit der Amerikaner hat Hillary Clinton noch lange nicht überzeugt. Das Ticket ins Weiße Haus muss sie sich erst noch hart erkämpfen. Es wird spannend.

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