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Welt

Kommentar: Heulende Helden und stille Diplomatie

Die D-Day-Veteranen hätten besseres verdient: Ihr historischer Gedenktag mutierte zum Rahmenprogramm für die Lösung der Ukraine-Krise. Immerhin: Ein Anfang zur Beilegung des Konflikts ist gemacht, meint Felix Steiner.

Deutsche Welle, Redakteur Felix Steiner (Foto: DW/Hendriksen)

DW-Redakteur Felix Steiner

Warum ausgerechnet der 70. Jahrestag der alliierten Invasion in der Normandie so groß wie nie zuvor gefeiert wurde, machte jeder Kameraschwenk über die Reihen der Veteranen deutlich: Alte Männer, fast 90 Jahre alt oder schon darüber hinaus, von denen die meisten den nächsten runden Jahrestag nicht mehr erleben werden.

Es waren zum Teil sehr anrührende Szenen, die sich bei der Vielzahl der diversen Feierstunden abspielten. Weinende Veteranen im Gedenken an zahllose Kameraden, die insbesondere in den ersten Stunden der Operation Overlord ihr Leben verloren. Fast hinfällige Greise in Uniform, die mühsam versuchten, sich militärisch korrekt aufzurichten. Aus deren Gesichtern jedoch ein unglaublicher Stolz sprach. Berechtigter Stolz. Denn sie waren die, die unter Einsatz ihres Lebens Freiheit und Demokratie zurück nach Westeuropa brachten. Alle, die in freie europäische Gesellschaften hineingeboren worden sind und das für selbstverständlich halten, sind diesen Männern zu Dank verpflichtet. Und daher haben die Veteranen des D-Day diese Ehrung verdient!

Im Lichte der Ukraine-Krise bekam der Begriff D-Day in den vergangenen Tagen eine neue Bedeutung: Vom Diplomacy-Day war die Rede und die Erwartungen entsprechend hoch. Frankreich als Gastgeber hatte - anders als die G7 beim direkt vorher stattfindenden Gipfeltreffen - Russlands Präsident Wladimir Putin nicht ausgeladen, sondern ganz im Gegenteil den neu gewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zusätzlich eingeladen. Das D-Day-Jubiläum als erste Gelegenheit zum Kontakt zwischen westlichen Regierungschefs und Putin seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim: Wer würde mit wem reden? Welche Gesten und Signale würde es geben?

Die diplomatische Bilanz des Tages fällt positiv aus: Dass François Hollande und Angela Merkel mit Wladimir Putin Gespräche führten, war schon im Laufe der Woche angekündigt worden. Sie waren wenig überraschend, weil Deutschland und Frankreich auf Entspannung setzen und die vom Westen angedrohten Sanktionen im Falle einer weiteren Verschärfung des Konflikts fast genauso sehr fürchten wie Russland. Eine positive Überraschung dagegen war schon eher das sogenannte "informelle" Treffen von Barack Obama mit Putin - ein "formelles" Treffen der beiden Präsidenten scheint bis auf weiteres ausgeschlossen.

Die zweifellos beste Nachricht des Tages ist jedoch das 15-Minuten-Gespräch zwischen Putin und dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko. Damit hat das Rätseln, ob Russland einen Repräsentanten zur Vereidigung Poroschenkos am Sonntag (08.06.2014) nach Kiew schickt, seine Relevanz verloren. Denn das Gespräch darf so gewertet werden, dass Russland die Wahl Poroschenkos als rechtmäßig anerkennt. Dass beide sich für ein Ende der Kämpfe in der Ost-Ukraine ausgesprochen haben, klingt hingegen nach mehr, als es faktisch bedeutet. Denn Putin hat seine alte Position unterstrichen, dass er auf die Separatisten dort leider nur sehr beschränkten Einfluss habe.

Die Lage gleicht im übertragenen Sinn damit genau der am Abend des 6. Juni vor 70 Jahren: Ein positiver Anfang ist gemacht. Aber ob die Gesamtoperation von Erfolg gekrönt sein wird, ist noch nicht absehbar.

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