Kommentar: Herta Müller und die ewigen Fake News | Europa | DW | 25.04.2018
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Literatur

Kommentar: Herta Müller und die ewigen Fake News

Die Posse um die rumäniendeutsche Nobelpreisträgerin Herta Müller und ihre Suspendierung aus dem Rumänischen Schriftstellerverband nimmt kein Ende. Eine klare Diffamierungskampagne, meint Robert C. Schwartz.

Früher hießen sie Lügenmärchen. Später nannte man sie Manipulation und Propaganda. Heute sagt man Fake News. Die Autoren dieser schwindelerregenden virtuellen Texturen schwingen sich auf zu Möchtegern-Drachentötern, verstecken sich aber liebend gern hinter mehr oder weniger exotischen Pseudonymen und wähnen sich im sicheren Versteck. So auch ein besonders schlauer "Kenner" des rumäniendeutschen Literaturbetriebs, den wir der Einfachheit halber bei seinem Pseudonym nennen wollen: Mario Grazia. Nein, nicht der Koch, der es im Internet zu einem gewissen Ruhm gebracht hat. Sondern der Giftmischer, der den Ruhm sucht und ihn mit brachialer Gewalt nicht finden kann. Nein, um ein neuer Jamie Oliver der Literaturküche zu werden, muss man schon mehr können, als nur Lügen und Verleumdungen in den Kochtopf zu werfen und warten, dass der Sud auch mundet.

Schon immer im Visier der Securitate

Und nun zu den Fakten: Herta Müller ist ein Begriff. Und das nicht erst seit ihrem Nobelpreis 2009. Als große Autorin gefeiert, blieb sie aber für viele ihrer Leser und vor allem Nichtleser die "Nestbeschmutzerin", die über die braune und anschließend rote Vergangenheit ihrer Landsleute im rumänischen Banat mit messerscharfer Tastatur wie besessen loslegte. Ein immer wiederkehrendes zentrales Thema ihrer Schriften: die in Rumänien allgegenwärtige kommunistische Geheimpolizei Securitate. Früh in deren Visier geraten, versuchte Herta Müller, sich in der Ceausescu-Diktatur und danach in der westlichen Freiheit, in der Bundesrepublik, vom Ballast der Verfolgung und Verleumdung freizuschreiben. Doch der lange Atem der Securitate holte sie immer wieder ein. Und wenn es nicht immer der Geheimdienst war, der sie drangsalierte, dann sollten es einige ihrer ehemaligen Banater Landsleute sein, denen eine Mitarbeit mit dem kommunistischen Geheimdienst nachgesagt und manchmal auch nachgewiesen worden ist.

Schwartz Robert Kommentarbild App

Robert C. Schwartz leitet die Rumänische Redaktion der DW

Die alte Securitate hat das Geschäft mit Halbwahrheiten und Fake News schon immer beherrscht. Ihre Nachkommen können das offensichtlich auch. Nach der jüngsten Posse des Rumänischen Schriftstellerverbands, der Herta Müller wegen nichtbezahlter Jahresbeiträge suspendierte, meldeten sich "gutmeinende" Mitbürger, die sie der Lüge bezichtigten. Darunter auch der oben erwähnte Anonymus mit dem Pseudonym eines Kochs. Dieser wähnt sich im Besitz eines besonders würzigen Schriftstücks, das er der DW als Kopie zuschickte: das Beitrittsgesuch der Autorin zum Rumänischen Schriftstellerverband. "Herta Müller lügt wie gedruckt", schreibt er.

Herta Müller und William Totok haben ihre Beitrittsgesuche vom Mai 1985 nie verschwiegen. Die jungen und erfolgreichen deutschsprachigen Autorinnen und Autoren rund um die "Banater Aktionsgruppe" sollten Mitglieder des Rumänischen Schriftstellerverbands werden, einige sind es auch geworden. Mindestens zwei haben ihre Gesuche zurückgezogen, nachdem sie bis dahin gar nicht aufgenommen worden waren: Herta Müller und William Totok. Von Totok hat die DW eine Kopie seiner schriftlichen Absage vom Dezember 1985, in der er klarstellt, dass er wegen des politischen Drucks nun doch von einer Mitgliedschaft absehen wolle. In einem Statement, das die Nobelpreisträgerin der DW zugeschickt hat, erklärt Herta Müller den Sachverhalt: "Als ich noch in Rumänien lebte, 1985 oder 1986 - sollte ich in den Schriftstellerverband aufgenommen werden. Ich habe damals meine Aufnahme von der von William Totok abhängig gemacht. Aber weil er nicht aufgenommen worden ist, bin ich auch nicht beigetreten. Seither hatte ich keinen Kontakt mehr zu dieser Organisation. Und ich hatte danach auch nie die Absicht geäußert, Mitglied des Verbandes zu werden." 

Aufnahme in den Verband ohne Rücksprache

1990, nach der Wende, hat eine Gruppe rumänischer Schriftsteller - vor allem ehemalige Dissidenten - die Aufnahme jener Autorinnen und Autoren in den Rumänischen Schriftstellerverband vorgeschlagen, die zuvor aus politischen Gründen nicht akzeptiert worden waren oder sich geweigert hatten, beizutreten. In der revolutionären Stimmung nach dem Sturz Ceausescus wurden auch Herta Müller und William Totok aufgenommen. Leider wurden sie aber davon nie offiziell in Kenntnis gesetzt. 

Gezielte Kampagnen gegen Herta Müller üben auf eine kleine Randgruppe von Trollen im Netz schon immer eine besondere Anziehungskraft aus. Mit den alten und mehrmals widerlegten Vorwürfen lässt diese Gruppe keinen Versuch aus, der Nobelpreisträgerin zu schaden. Ganz wie die alte Securitate vor drei Jahrzehnten. Ein kurzer Kommentar, den William Totok der DW schickte, bringt den "Shitstorm", der inzwischen entstanden ist, auf den Punkt: "Der Irrsinn kennt keine Grenzen." Diffamierungen werden auch durch neuerliche Verbreitung der alten Fake News im Netz nicht glaubwürdiger.

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