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Deutschland

Kommentar: Helmuts Welt

Helmut Kohl schafft es noch hochbetagt locker in die Schlagzeilen. Es geht um die Deutung seiner Jahre an der Macht. Ganz großes Kino um politische Nullen und schlechte Tischsitten, findet Volker Wagener.

Politik wird erst so richtig spannend, wenn Geschriebenes oder Gesagtes aus dem politischen Milieu mit dem Zusatz "geheim" etikettiert ist. So wie jetzt beim plötzlichen Auftauchen von über 600 Stunden Gesprächsmaterial zwischen dem Journalisten Heribert Schwan und Altbundeskanzler Helmut Kohl aus den Jahren 2001 und 2002. Alles ordentlich auf analogen Ton-Kassetten festgehalten. Kellergespräche aus Kohls Hobbyraum in Oggersheim, die nun das Licht erblicken. In Auszügen lässt sich nun nachlesen, was der schon zu Amtszeiten historisch gewordene Kohl von seinen politischen Weggefährten hielt. Nämlich weit überwiegend wenig!

"Am Arsch des Propheten"

Sogar Freunde kriegen ordentlich was ab. Gorbatschow sei schlicht "gescheitert", resümiert der Altkanzler ganz lapidar. Die Auflösung der kommunistischen Sowjetunion ohne Blutvergießen ist dem Deutschen keine besondere Würdigung wert: "Sehr viel mehr, was wirklich bleibt, fällt mir nicht ein". Der Reformer aus Moskau habe politisch und wirtschaftlich schlicht Kassensturz gemacht und dabei erkannt, "dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte." Von Altersmilde keine Spur.

Volker Wagener, DW-Redakteur Foto: DW/Per Henriksen

Volker Wagener, DW-Redakteur

Es ist diese herrlich volkstümliche Bild- und Umgangssprache, die den großen Staatsmann von einst jetzt ganz privat und ungefiltert daher kommen lässt. Helmut hautnah und direkt. Sogar die Ikonen des Umsturzes in der DDR, die Leipziger Montagsdemonstranten, kriegen ihr Fett weg. Nicht die Macht der Straße habe die DDR zum Einsturz gebracht, sondern die wirtschaftliche Schwäche des Ostblocks. Es sei eben nicht so, gibt Kohl 2001/2002 freimütig zu Protokoll, "als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen." So klingen alte Männer, die im Nachhinein die Erfolge nicht ohne Not mit allzu vielen teilen wollen.

Ein Mann erklärt die Welt

So redet eigentlich keiner öffentlich, auch nicht Jahre später. Aber Helmut Kohl hat es getan - umfangreich und detailliert sprach er in insgesamt 105 Gesprächsrunden mit einem Journalisten. Einem, dem er einst vertraut hat und mit dem er nun juristisch in Fehde liegt. Gesprochen hatten die beiden zu einem Zeitpunkt, als aus dem gefeierten Kanzler der Einheit der Spendensünder Kohl wurde; als ihn Parteifreunde kritisierten und als seine Frau Hannelore Selbstmord beging. Er war tief gefallen - vielleicht war es deshalb für ihn eine Entlastung, mal so richtig vom Leder zu ziehen. Schwans Tondokumente haben es jedenfalls in sich. Ein Mann sieht rot und teilt mächtig aus.

Auch Christian Wulff, der spätere Kurzzeit-Bundespräsident, bekommt das zu spüren. "Eine Null", so das schroffe Urteil Kohls. Wolfgang Schäuble, Finanzminister im Kabinett Merkel und lange Zeit designierter Nachfolger Kohls im Kanzleramt, wird vorgehalten, in der Zeit der Spendenaffäre alle Feinde Kohls versammelt zu haben, um ihn zu vernichten. Auch habe er ihm nicht zugetraut, den Euro durchzusetzen. Und besonders despektierlich Kohls Einlassungen zu Angela Merkel, als sie noch nicht Bundeskanzlerin war. Die CDU - Kohls politische Heimat - wird vorgeführt wie bei einem Familien-Scherbengericht.

Die Tischsitten der Kanzlerin

Die "konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen", ätzt ihr politischer Ziehvater über die spätere Kanzlerin. Auf Staatsempfängen habe Merkel oft "herumgelungert". Mehrfach habe er sie zur Ordnung rufen müssen. Kohl zieht gegenüber Schwan, dem Journalisten, über alles und jeden so richtig her. Manches würde er sicher heute nicht mehr so stehen lassen. Die entscheidende Frage aber lautet: Zu was ist Kohls Hardtalk nutze? Für Historiker sind Kohls Kellergespräche zweifelsohne eine Fundgrube. Für Kohl aber kommt die Teilpublikation zur Unzeit. Es ist sein historisches Vermächtnis, das sicher nicht zu seinen Lebzeiten für die Veröffentlichung gedacht war. Auch für die CDU ist Schwans Alleingang ein Ärgernis, zeugt doch das Material vom Intrigenstall Union. Und Angela Merkel wird ab sofort unter verschärfter Medienbeobachtung stehen - der Tischsitten wegen. Wir alle aber haben garantiert weiter großen Spaß an "Helmuts Welt".

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