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Kommentare

Kommentar: Gysis politisches Vermächtnis

Lichtgestalt und Reizfigur - der scheidende Fraktionsvorsitzende hat es seiner Partei und anderen nie leicht gemacht. Ohne ihn wäre die Linke aber wohl nie im vereinten Deutschland angekommen, glaubt Marcel Fürstenau.

Gregor Gysi gehört zur Kaste der sogenannten Alphatiere. Ein Mann, der Politik lebt. Für eine lebendige Demokratie ist dieser Typus unverzichtbar. Er pointiert, polemisiert, polarisiert. So einer fällt auf in Zeiten zunehmender politischer Korrektheit. Schon deshalb ist es bedauerlich, wenn sich einer wie Gysi aus der ersten Reihe verabschiedet. Sein auf dem Parteitag in Bielefeld angekündigter Rückzug trifft also nicht nur die Linken, sondern die gesamte politische Klasse - und die politische Kultur. Als Vorsitzender der stärksten Oppositionsfraktion im Bundestag ist er seit 2013 inoffizieller Chefkritiker der Regierung Merkel. Diese Rolle werden nun andere übernehmen müssen.

Niemand sollte den Fehler machen, die künftige Fraktionsspitze der Linken an Gysis rhetorischer und intellektueller Brillanz zu messen. In dieser Disziplin ist er einzigartig - parteiübergreifend. Die Genossen wären jetzt gut beraten, sich die Abschiedsworte ihres Übervaters zu Herzen zu nehmen. Vor allem die in Sachen Regierungsfähigkeit und Willen zur Macht. Beides ist in weiten Teilen der Linken immer noch stark unterentwickelt. Das war auch in Bielefeld zu spüren. Sahra Wagenknecht, Gysis potenzielle Nachfolgerin an der Fraktionsspitze, hielt eine flammende Rede gegen ein Bündnis mit Sozialdemokraten und Grünen auf Bundesebene. Auch die beiden Parteichefs, Katja Kipping und Bernd Riexinger, intonierten das Hohelied auf die reine Lehre.

Eigene Erfolge mehr würdigen

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon (DW )

Deutsche Welle: Marcel Fürstenau

Kompromissfähigkeit, die Gysi fast schon flehentlich anmahnte, halten die radikalsten Kapitalismus-Kritiker in den Reihen der Linken für Verrat am Sozialismus. Dabei lehnt auch Gysi Kompromisse auf Kosten falscher Zugeständnisse ab. Er hält den Kapitalismus aber weder für die letzte Antwort auf die Geschichte noch für Teufelszeug. Zu Recht warnte Gysi in seiner Abschiedsrede vor der demokratiegefährdenden Macht des Finanzkapitals, pries aber auch die Leistungsfähigkeit des Kapitalismus in Wissenschaft, Forschung und Kultur. Diese Potenziale sollte die Linke mitgestalten wollen, predigte Gysi.

 

Nach den Eindrücken des Parteitags zu urteilen, dürfte sein Appell beim Führungspersonal überwiegend auf taube Ohren gestoßen sein. Reformer in Gysis Sinne finden sich überwiegend in den Ländern. Dort, wo politische Teilhabe in Form von Regierungsbeteiligungen praktiziert wird. Allen voran in Thüringen, wo mit Bodo Ramelow der erste linke Ministerpräsident regiert. Dass ihm im Zweifelsfall eher Argwohn als Freude und Stolz über das Erreichte entgegenschlägt, sagt viel über den Zustand der Linken insgesamt aus.

Verdienste um Deutschlands innere Einheit

Einig sind sich die Linken nur in einem Punkt: dass es ihre Partei in der heutigen Form ohne Gysi gar nicht gäbe. Er führte die DDR-Staatspartei SED unter dem vorübergehenden Namen PDS ins vereinte Deutschland. Dabei hatte er wichtige Helfer an seiner Seite wie den inzwischen verstorbenen Lothar Bisky. Aber niemand konnte sich von Anfang an so problemlos in die vereinte deutsche Seele versetzen wie Gysi. Damit erwarb er sich die Bewunderung der meisten Menschen im Osten und den Respekt vieler im Westen. Für die innere Einheit Deutschlands hat Gysi mehr geleistet, als seine Gegner in Politik und Medien je zugeben würden.

Auf der Schattenseite seiner politisch-persönlichen Bilanz finden sich zwei prägende Erfahrungen: seine Kontakte zum DDR-Geheimdienst und die Einsamkeit eines hochtourigen Politikerlebens. Gegen den Vorwurf, Stasi-Spitzel gewesen zu sein, hat er sich rechtlich erfolgreich gewehrt. Dass ihn viele trotzdem für einen Zuträger des Staatssicherheitsdienstes halten, liegt auch an seinem oft taktisch geprägten Umgang mit den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Dass ihm nicht alle glauben, darüber darf Gysi sich nicht beschweren.

Bewegende Entschuldigung

Grund zur Klage über ihn hatten aus ganz anderen Gründen seine engsten persönlichen und beruflichen Weggefährten. Die hat er in den zurückliedenden 25 Jahren stark vernachlässigt. Das sagt er selbst und gibt zu, sich zu wichtig genommen zu haben. Dafür hat sich Gysi mit Tränen in den Augen bei seiner Familie und engsten Freunden entschuldigt. Diese Geste war anrührend und sollte auch andere nachdenklich stimmen. Gregor Gysi kehrte sein Innerstes nach außen. Sichtbar wurde der empfindsame Mensch hinter der Fassade des Politikers. Es wirkte wie eine Warnung: Seht her, wohin Politik führen kann! Auch das gehört zum Vermächtnis, das Gysi hinterlässt.

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