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Wahlkampf

Kommentar: Guten Appetit, Martin Schulz!

Angela Merkels Herausforderer um das Kanzleramt mag Stopfleber. Ein gefundenes Fressen für seine Gegner? Sie könnten jedenfalls auf den Geschmack kommen. Marcel Fürstenau rät ihnen vorsorglich zu Enthaltsamkeit.

Es ist das, was man in Deutschland "olle Kamellen" nennt. Alte Geschichten, an die sich oft kaum jemand erinnern kann. Die aber plötzlich von interessierter Seite wieder aufgewärmt werden. Im vorliegenden Fall geht es um die kulinarische Vorliebe eines gewissen Martin Schulz, von der vor fast genau vier Jahren niemand in Deutschland Kenntnis nahm. Vor allem deshalb, weil der gute Mann einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt war. Daran änderte auch sein wichtiges und einflussreiches Amt nichts: Schulz war immerhin Präsident des Europäischen Parlaments. Aber das hat seinen Sitz in Straßburg.

Was in dieser schönen französischen Stadt passiert, davon nehmen deutsche Medien und Parteizentralen höchst selten Notiz. Das darf, das sollte man sogar bedauern. Schließlich wird dort - wie in Brüssel - europäische Politik gemacht. Ein weites Feld ist das, gewiss. Keines aber, auf dem im Überfluss Lorbeer blüht, den Politiker zwecks Mehrung des eigenen Ruhms schnell ernten könnten. Das gilt auch für Martin Schulz, den inzwischen ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten. Der sich anschickt, für seine SPD als deren Vorsitzender und Kanzlerkandidat Angela Merkel das Fürchten zu lehren.

Als Trinker kann man den SPD-Kanzlerkandidaten nicht diffamieren

Das scheint dem vor wenigen Monaten in Deutschland noch weitgehend unbeschriebenen Blatt namens Schulz laut Umfragen ziemlich gut zu gelingen. Entsprechend groß ist die Nervosität im Merkel-Lager, das dem rasanten Aufstieg des Herausforderers bislang wenig entgegenzusetzen hatte. Und weil der politisch schwer zu greifen ist, müssen andere Schwachpunkte gefunden werden. Und die soll es laut Medienberichten aus Sicht der Union durchaus geben.

Dass Schulz mal Alkoholiker war, beschreibt er höchstpersönlich in seiner Biografie. Damit können seine Gegner also nicht punkten. Wäre ja auch ziemlich geschmacklos. Schließlich hängen Millionen Deutsche an der Flasche. Schulz hat diese Krankheit - auch mit Hilfe der Familie und von Freunden - überwunden. Ein Sieg, der wunderbar zum Bild eines sozialdemokratischen Aufsteigers aus bescheidenen Verhältnissen passt. Ein Triumph des Willens, der den Kandidaten in den Augen vieler besonders authentisch und sympathisch erscheinen lässt.

"Foie gras" klingt lyrisch, "Stopfleber" brutal

Es muss also schon ein anderer Makel her, der Schulz etwas anhaben könnte. Wie wäre es mit einer Schwäche für gutes Essen auf Kosten wehrloser Geschöpfe? Gänse und Enten etwa, die im Land der haute cuisine gequält werden, um ihre Leber unnatürlich fett werden zu lassen. Das Ergebnis dieser in Deutschland verbotenen Methode heißt auf Französisch foie gras. Klingt wie der Titel eines Gedichts, bedeutet auf Deutsch aber Stopfleber. Ein Wort, das einem im Halse stecken bleiben kann.

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Martin Schulz aber ließ es sich anno 2013 in Straßburg auf der Zunge zergehen. Dort traf er sich mit einem Korrespondenten der "Financial Times" zum Dinner. Ein Rendezvous, das in einen ausführlichen Artikel mündete. Darin wundert sich der Autor, wie sein prominenter Gesprächspartner mit "erstaunlicher Missachtung" über die Belange der Tierschutz-Lobby hinweggeht. Er orderte foie gras und empfahl die ethisch verwerfliche Bestellung darüber hinaus auch noch wärmstens seinem Gegenüber. Ein Fauxpas, der folgenlos blieb. Und den aufzubauschen damals niemand für nötig befand.

Eine Anekdote, aus der hoffentlich keine Geschichte wird

Vier Jahre später könnte sein kleiner Fehltritt Gourmet Schulz in die Bredouille bringen - hoffen interessierte politische Kreise. Immerhin soll etwa jeder zehnte Deutsche Vegetarier sein. Ein nicht zu unterschätzendes Wählerpotential in Zeiten, in denen die kleinste Sünde zum Shitstorm im Internet führen kann. Noch ist aus dem lange zurückliegenden genüsslichen Verzehr einer Stopfleber keine kraftvolle Kampagne geworden. Aber die medialen Intervalle in Sachen Schulz und Stopfleber werden kürzer. Anfang des Jahres tauchte das Thema in der Tageszeitung "taz" auf.

Die Rhein-Neckar-Zeitung spekulierte im Februar über Dossiers, die aus Kreisen der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) und der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag stammen sollen. Kurz vor Ostern berichtete die "Zeit" über einen entsetzten SPD-Anhänger, der die Partei seines Herzens mit Mails nervt. Vor allem will er wissen, ob Schulz inzwischen auf foie gras verzichtet. Sonst wäre er für den eifrigen Tierschützer nicht wählbar. Die Anekdote zieht inzwischen ihre noch kleinen Kreise.

Warum sich Schulz nicht von seinem Verhalten distanzieren sollte

"Durfte Martin Schulz Gänsestopfleber essen?", fragte der "Tagesspiegel" seine Leser vor wenigen Tagen. Auch die Illustrierte "Stern" wollte das wissen. Die Antwort auf www.veganblog.de lautet natürlich "nein". Und mir flatterte am Donnerstag per Mail die Pressemitteilung des Deutschen Tierschutzbüros ins elektronische Postfach. Die Organisation fordert Schulz auf, sich von seinem Stopfleber-Konsum zu distanzieren, "bevor ihm dies in der heißen Wahlkampfphase um die Ohren fliegt". Das wird der SPD-Kanzlerkandidat hoffentlich nicht tun. Weil er sich damit unglaubwürdig machen würde. Denn alle Welt weiß ja nun, wie gut ihm foie gras in Straßburg geschmeckt hat.

Wir alle dürfen aber davon ausgehen, dass Martin Schulz beim tête-à-tête mit Journalisten künftig auf seine Lieblingsspeise verzichten und im Wahlkampf auf das Anpreisen dieser zu Recht umstrittenen Delikatesse verzichten wird. Und allen, die nun nach anderen dunklen Flecken in der Vita des 61-Jährigen suchen, sei die komplette Lektüre des "Financial Times-Artikels vom 26. April 2013 ans Herz gelegt. Während Autor Gideon Rachman zur Stopfleber einen Côtes du Rhône genießt, begnügt sich der SPD-Kanzlerkandidat mit Mineralwasser, Tomaten- und Traubensaft. Es finden sich also keine Hinweise darauf, dass der frühere Alkoholiker rückfällig geworden ist. Guten Appetit, Herr Schulz!       

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