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Kommentare

Kommentar: Gut gemacht, Presserat!

Der Druck auf den "Wächter der Pressefreiheit" war hoch, Abstriche am Diskriminierungsschutz im Pressekodex zu machen. Gut, dass der Presserat dem widerstand. Kay-Alexander Scholz wünscht sich aber mehr Medien-Debatten.

Eine Merkelsche Maxime lautet, stärker aus einer Krise heraus- als hineingehen zu wollen. Für den Journalismus in Deutschland, der mit dem Vorwurf "Lügenpresse" konfrontiert ist, sollte das auch zutreffen. Die Diskussion darüber, ob bei Berichten über Straftaten Herkunft, Nationalität oder Religion des Täters genannt werden sollte oder nicht, ist erst einmal eine gute Sache. Denn es kann keine einfache Antwort darauf geben. Es braucht immer den Diskurs und die Reflexion über einen Sachverhalt und seinen Kontext. Und manchmal braucht es auch ein wenig mehr Zeit für eine ordentliche Recherche, damit keine Vorurteile bedient werden.

Gut, dass der Deutsche Presserat das weiterhin so sieht und an seiner bisherigen Richtlinie im Pressekodex festhält, die auf kluge Art und Weise bewusst keine Order ausgibt. Sondern auflistet, was zu beachten ist, um der Gefahr von Diskriminierung vorzubeugen. Er verpasst dabei keinen Maulkorb, wie der Geschäftsführer des Presserats, Lutz Tillmanns, nach der mit großer Mehrheit beschlossenen Entscheidung betonte.

Kommentarfoto Kay-Alexander Scholz Hauptstadtstudio (Foto: DW)

Hauptstadt-Korrespondent Kay-Alexander Scholz

Trotzdem ist nicht alles gut

Aber die Presse sollte sich an diese Richtlinie auch halten. Also nicht nur eine Nationalität weglassen, wenn sie nicht relevant ist, sondern auch stärker darüber berichten, wenn die Herkunft von Tätern im direkten Zusammenhang mit bestimmten Straftaten stehen. Viel zu kurz wurde in Deutschland über das aus dem arabischen Raum bekannte Phänomen "Taharrush Gamea" berichtet, also gemeinschaftlich begangene sexuelle Nötigung von Frauen, wie sie in Köln und anderen Städten am Silvesterabend passierte.

Die möglichst saubere Trennung von Nachricht und Meinung ist ein weiteres Thema, über das mehr geredet werden müsste. Der US-Präsidentschaftskandidat sollte außerhalb von Kommentaren Donald Trump heißen und nicht noch weitere Vornamen wie "Der rechte Hetzer" tragen. Dessen Haltung muss Teil der journalistischen Analyse sein und darf nicht einfach als Attribut vor den Nachnamen gesetzt werden. Gerade in Online-Medien klassischer Printanbieter aber dient ein Meinungstouch häufig als Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen - ungefährlich ist das nicht.

Mehr Streit wagen

In der Publizistik-Forschung wird zwischen Binnen- und Außenpluralismus unterschieden, also der Meinungsvielfalt innerhalb eines Mediums, beziehungsweise in der gesamten Medienlandschaft. Es gibt nicht wenige Bürger, die sich mehr Außenpluralismus wünschen, also explizit konservative oder linke Medienanbieter. Das würde den demokratischen Streit anheizen. Angelsächsische Korrespondenten in Berlin wundern sich immer wieder über einen gewissen "Herdentrieb", zumindest in der Hauptstadtberichterstattung. Immer nur den Mainstream, also die politische Mitte zu bedienen, erreicht nun mal nicht alle Konsumenten.

Es sollte den Ehrgeiz geben, die verlorenen "Pegida"-Anhänger mit ihren "Lügenpresse"-Rufen zurück zu gewinnen und sie nicht einfach in ihrer Ecke stehen zu lassen. Denn dort holen sie genau diejenigen ab, die ganz andere Ziele, nämlich weniger Demokratie, verfolgen.

Das Gute ist: Diese Prozesse sind in vielen Chefredaktionen bereits in vollem Gange, wie auf den jüngsten Mainzer Medientagen zu hören war. Das ist der große Vorteil von freien Medien in Demokratien gegenüber solchen in Diktaturen. Der Streit ist Teil des Systems, macht dieses in der Regel besser und braucht keine staatliche oder sonstige autoritäre Steuerung. Die Entscheidung des Presserats zeigt noch einmal, dass das deutsche Mediensystem eben keine "Lügenpresse" ist, sondern ein offenes System, das alles hat, was guter Journalismus braucht.

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