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Kultur

Kommentar: Großer Manager, großer Intendant

Das weltweit bekannteste deutsche Musikfest hat seinen Patriarchen verloren. 57 Jahre lang leitete Wolfgang Wagner die Bayreuther Festspiele – doch kaum ein anderer Intendant hat so zwiespältige Reaktionen ausgelöst.

Der Grüne Hügel bei Nacht

Durch Wagner wurde er zum Pilgerort der Musikwelt: der Grüne Hügel

Keine Frage: Wolfgang Wagner war immer umstritten, als Regisseur und als Mensch. Er galt als konservativ und stand im Schatten seines Bruders Wieland. Die Kritik ließ selten ein gutes Haar an seinen Regiearbeiten. Dabei waren seine beiden Inszenierungen des Opern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen" zumindest handwerklich überzeugend. Schnell zog Wolfgang die Konsequenzen. Er öffnete die Festspiele für bedeutende Regisseure von außen. Auch alle großen Wagner-Dirigenten von Hans Knappertsbusch bis hin zu Christian Thielemann kamen nach Bayreuth. Der größte Coup gelang ihm aber 1976 mit der "Ring"-Aufführung von Patrice Chéreau. Der französische Film- und Theaterregisseur Chéreau und der Komponist und Dirigent Pierre Boulez brachten die Wende zur modernen Wagner-Rezeption.

Aufregung um den neuen Wagner

In den letzten Jahren sorgten spektakuläre Inszenierungen von Heiner Müller und Christoph Schlingensief für kontroverse Diskussionen. Als Desaster erwies sich schließlich die "Werkstatt-Idee". Junge, noch unbekannte Künstler sollten in Bayreuth die Möglichkeit erhalten, sich auf der Bühne zu beweisen. Ein Gedanke, der vor allem die namhaften Stars, denen Bayreuth bis dahin vorbehalten war, verprellte. Ein anderes Handicap: die Freundschaft seiner Mutter mit Adolf Hitler. Ein Dokumentarfilm mit Aussagen seiner Mutter Winifred, die sich lobend über "unseren seligen Adolf" äußerte, erschütterte Mitte der 70er Jahre auch die Festspiele. Noch heute versucht die Wagner-Familie, zur Aufklärung dieser Zeit beizutragen.

Der Alte wollte nicht gehen

Wolfgang Wagners Verdienst lag in der praktischen Leitung der Festspiele. Wie kein anderer hat er zur Rezeption der Werke seines Großvaters Richard Wagner im 20. Jahrhundert beigetragen. Mehr als 1700 Aufführungen entstanden in seiner Ära im Festspielhaus. Ihm gelang die Gründung der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth, an der neben der Familie auch öffentliche Institutionen beteiligt sind – eine finanzielle Absicherung der Festspiele. Und er machte die Richard-Wagner-Festspiele zum öffentlichkeitswirksamsten Musikfest der Welt. Nicht zuletzt deshalb verfolgte die Musikwelt so aufmerksam die familiären Streitigkeiten des Wagner-Clans. Dann schließlich der Ruf: "Der Alte soll endlich gehen". Das aber tat er nicht. Er bestand auf seinem Vertrag auf Lebenszeit – solange, bis die Nachfolge geklärt wäre, natürlich in seinem Sinn. Er galt jetzt als stur und mürrisch und beherrschte perfekt die Kunst des Aussitzens.

Marke Bayreuth

Vielleicht wurden seine beiden Töchter Eva und Katharina auch deshalb als Nachfolgerinnen bestätigt, damit der damals 89-Jährige einer Modernisierung und Weiterentwicklung auf dem Grünen Hügel nicht länger im Weg stehen konnte. Trotzdem: als Wolfgang Wagner sich Ende 2008 aus der Leitung der Festspiele zurückzog, ging er als Sieger. In über fünf Jahrzehnten hat er die Richard-Wagner-Festspiele zu dem geführt, was heute als "Marke Bayreuth" gilt und zum gefragtesten Event im Kulturbetrieb überhaupt gehört. Immer noch bewerben sich jährlich rund eine halbe Million Menschen um die knapp 60.000 Tickets für eine Saison, Wartezeiten von bis zu zehn Jahren sind keine Seltenheit. Neben dem alljährlichen Prominentenauflauf reisen Musikkenner aus aller Welt nach Bayreuth – das ohne Wolfgang Wagner ein bayerisches Provinznest geblieben wäre. Die Bayreuther Festspiele trauern um einen Festspielchef, der über seine Amtszeit hinaus der "Familienvater" war, der Organisator und der Geschäftsmann, der die Geschicke auf dem Grünen Hügel lenkte.

Autorin: Gudrun Stegen

Redaktion: Ramón García-Ziemsen

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