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Standpunkt

Kommentar: Gewalt hat weder eine nationale Heimat noch Religion

Im Netz wie in den Medien Osteuropas waren sich viele sicher. Doch der U-Bahn-Treter von Berlin ist weder Flüchtling noch Moslem. Sondern Angehöriger eines Volkes, das Angst vor genau diesen hat, meint Alexander Andreev.

Berlin Überwachungskamera U-Bahn Hermannstraße - Angriff auf Frau (Polizei Berlin)

Das Video aus der U-Bahn-Station, unmittelbar bevor der Mann auf der Treppe der Frau vor ihm in den Rücken tritt.

Die Bilder sind widerwärtig: Ein junger Mann tritt vollkommen grundlos eine Frau in den Rücken, die daraufhin eine Treppe zur Berliner U-Bahn hinunter stürzt. Der Mann geht seelenruhig weiter, ebenso ein Begleiter von ihm, der sich nur noch eine Bierflasche von der Treppe schnappt. Beide kümmern sich nicht um die Frau, die sich völlig verstört am unteren Ende der Treppe versucht, wieder aufzurichten.

Dieses Video wurde in der vergangenen Woche von der Polizei ins Netz gestellt und seither millionenfach in den Sozialen Medien abgerufen. Und es löst Reaktionen aus. Abscheu und Empörung bei den meisten, aber auch dies: von englischsprachigen Bloggern, in deutschen Diskussionsforen, in kroatischen oder bulgarischen Boulevardmedien - überall wurde sofort vermutet und behauptet, der Täter sei mit Sicherheit ein Flüchtling, ein Migrant, ein Moslem. Verbunden mit der Schlussfolgerung: "So zahlt sich Merkels Willkommenskultur aus!"

Der Täter: ein EU-Bürger

Inzwischen wurden der Täter und seine drei Begleiter von der Polizei identifiziert. Es soll sich um Bulgaren handeln, die miteinander verwandt sind. Inzwischen sind alle vier untergetaucht, es steht zu vermuten, dass sie sich in ihre Heimat abgesetzt haben.

Andreev Alexander Kommentarbild App

Alexander Andreev leitet die Bulgarische Redaktion

Da es sich also um EU-Bürger handelt, die die volle Freizügigkeit genießen, gehen alle Forderungen nach Ausweisung und Abschiebung ins Leere. Ohnehin sollten solche Überlegungen überhaupt keine Rolle spielen. Denn unabhängig davon, ob der Täter Deutscher, Bulgare, Isländer, oder gar Flüchtling ist, bleibt seine grundlose und abscheuliche Brutalität ein Verbrechen, das mit aller Härte des Gesetzes zu ahnden ist. Darüber hinaus gibt es Anlass über zweierlei nachzudenken:

Erstens über die Lawine von Falschmeldungen und Halbwahrheiten, mit der wir im Netz immer häufiger konfrontiert werden. Falschmeldungen und Halbwahrheiten, die meist mit Propaganda-Botschaften vergiftet sind und - millionenfach reproduziert - Ängste und Vorurteile der Menschen anstacheln sollen. "Gewalt in Deutschland? Ein Flüchtling war es, klare Sache!" - so eine der populärsten Giftbotschaften in jüngster Zeit.

Idioten gibt es überall

Zweitens sollten wir, bevor wir mit dem Finger auf eine konkrete Gruppe als potenzielle Gewalttäter und Bösewicht zeigen, zunächst besser über unser gemütliches und Stolz erzeugendes "wir" nachdenken. Denn in jeder Nation, wie in jeder großen Gruppe gibt es stets einige brutale Gewalttäter und Verbrecher, deren Taten uns vor Scham erröten lassen. Der aktuelle Fall in Berlin sollte nun vor allem die Bulgaren nachdenklich stimmen, anstatt ihn weiter in ihrer Massenhysterie gegen Flüchtlinge und Moslems auszuschlachten.

Inzwischen wird nach den Tätern ähnlicher Vorfälle am vergangenen Wochenende in München und Stuttgart gesucht. Und wer weiß, wer dort als Täter identifiziert wird! Es gilt nach wie vor: Gewalt hat weder Heimat, noch Religion. Die "Heimat" solch brutaler Taten ist ganz einfach der Mensch, unabhängig von seiner Herkunft. Und ihre "Religion" ist der Hass - auf was auch immer.

Sie können unterhalb dieses Artikels einen Kommentar abgeben. Wir freuen uns auf Ihre Meinungsäußerung!

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