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Kommentare

Kommentar: Gewählt wird nach Gefühl

Um was geht es wirklich bei diesen Vorwahlen in den Vereinigten Staaten? Nicht um realistische Programme. Nein, die Emotionen entscheiden - und das macht alles so unberechenbar. Ines Pohl kommentiert aus New Hampshire.

Mit dem Verstand lässt sich die anhaltende Begeisterung für Bernie Sanders nicht fassen. Selbst seine größten Fans wissen, dass er am Ende keine Chance haben wird, zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten nominiert zu werden. Das System, mit dem seine Partei die Anwärter auf das höchste Amt im Staate nicht zuletzt durch Superdelegierte wählt, dieses System macht es einem Außenseiter wie Sanders fast unmöglich, gegen das Imperium Hillary Clinton anzukommen. Der Vorwahlkampf, das ist vor allem eine Frage von Macht und Geld. Erst in zweiter Linie spielen Sanders extreme Positionen eine Rolle, die viele Entscheidungsträger seiner Partei verschrecken.

"Join the revolution today!"

Männer und Frauen, Studierende und Jugendliche unterstützen Bernie Sanders dennoch. Weil er ihnen das Gefühl gibt, wichtig zu sein, eine Stimme zu haben. Weil er sie ernst nimmt mit ihrer Wahrnehmung, dass ihnen niemand zuhört. Und weil er mit seinem Slogan: "Join the revolution today" eine wirkmächtige Formel gefunden hat zur Befriedigung dieser Sehnsüchte.

Revolution klingt nach Beteiligung, nach grundlegender Veränderung, schließlich nach Ermächtigung der bisher Machtlosen. Ein Aufruf zur Revolution erreicht die Herzen.

Clinton ist Geschichte, Sanders ist Revolution: DW-Korrespondentin Ines Pohl und ihr Blick auf den US-Vorwahlkampf

Clinton ist Geschichte, Sanders ist Revolution: DW-Korrespondentin Ines Pohl und ihr Blick auf den US-Vorwahlkampf

Das verfängt in diesem Land, das so stolz ist auf seine Revolte gegen die Engländer damals in den Unabhängigkeitskriegen. Und in dem sich heute so viele Menschen über den Tisch gezogen fühlen von der politischen Machtelite im fernen Washington und dem großen Geld der korrupten Wallstreet.

Wofür steht Hillary?

Und genau das ist die Falle, in der Hillary Clinton steckt. Ihre Argumente können noch so fundiert sein - beispielsweise, wenn es darum geht, die Pläne von Sanders zur Umstrukturierung der Gesundheitsreform auseinanderzunehmen. Und trotzdem gelingt es ihr zumindest bisher nicht, eine wirkliche Verbindung zu den Menschen aufzubauen. Sie schafft es nicht, den Wählerinnen und Wählern eine emotionale Heimat zu geben für ihre Ängste, für ihre Sorgen, ihre Wut und ihre Hoffnungen. Hillary Clinton bietet keine neue Erzählung. Sie ist gelebte Geschichte.

Zu lange ist sie, ist ihr Mann im Geschäft, um noch diesen fast naiven Glauben zu erwecken, sie sei eine Heilsbringerin - also genau das, was dem auch schon 74-jährigen Bernie Sanders ganz gut gelingt.

Hillary Clinton ist die einzige Kandidatin in diesem bemerkenswerten Wahljahr, bei der jeder weiß, was zu erwarten ist. Man kennt ihre Schwächen, die relative Großzügigkeit bei der Interpretation von wahr und falsch - genau wie ihre Stärken, wenn es darum geht, erklärte Vorhaben auch wirklich umzusetzen. Aber Berechenbarkeit, man darf auch Verlässlichkeit sagen: Die scheint in diesem Wahlkampf nicht gewünscht.

Feelings, nothing more than feelings

Die Amerikanerinnen und Amerikaner wollen zumindest in dieser frühen Phase eine Projektionsfläche für ihre Träume. Für ihre Wünsche, beteiligt zu werden, etwas zu zählen in dieser Welt, die immer unübersichtlicher und bedrohlicher wird.

Und das ist nicht nur der Fall bei den Demokraten. Auch bei den Republikanern stehen bisher Kandidaten hoch im Kurs, die mit wenig fundierten Versprechen in diesen Wahlkampf ziehen - und vor allem auf die Kraft der Gefühle setzen und setzen müssen. Eine Kraft, die so stark ist wie flüchtig. Auch deshalb sind so viele Menschen bei diesen Wahlen bis zur letzten Minute unentschieden. Und das macht die Wahlen in New Hampshire für viele so spannend - und für manche so beängstigend.

Hat Ines Pohl recht? Wen würden Sie wählen? Und warum? Erzählen Sie's uns - gleich hier unter dem Text.

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