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Europa

Kommentar: Genozid - Fortsetzung des Krieges mit einem Begriff

Das Urteil aus Den Haag soll Versöhnung ermöglichen: Weder Serben noch Kroaten haben im Jugoslawienkrieg Völkermord im jeweils anderen Gebiet begangen. Was aber ist dann damals passiert, fragt sich Dragoslav Dedović.

Die Sprache der Juristen klingt mitunter furchtbar kalt: Die chauvinistischen Eliten im damals zerfallenden Jugoslawien hätten keine Absicht gezeigt, "eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe" als solche zu zerstören. Weder ganz noch teilweise. So haben die Richter des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag am Dienstag mit deutlicher Mehrheit geurteilt.

Im serbisch-kroatischen Konflikt zwischen 1991 und 1995 starben Zehntausende. Bewaffnete Serben und Kroaten haben Zivilisten der jeweils anderen Seite ermordet, gefoltert, vergewaltigt, vertrieben. Am Ende lagen komplette Städte in Schutt und Asche. Ganze Volksgruppen verschwanden aus Gebieten, die sie seit Jahrhunderten als ihre Heimat betrachteten. Völkermord war das jedoch nicht, wie die höchsten Richter der Vereinten Nationen

jetzt feststellten.

Weiterhin Respekt für die Täter. Und für die Opfer?

Viele "Mitglieder einer Gruppe" starben oder mussten ihre Häuser für immer verlassen, nur weil sie Kroaten oder Serben waren. Manch ein Soldat, der bis heute in Belgrad oder Zagreb als Nationalheld gefeiert wird, fügte mit Sicherheit "Mitgliedern der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden" zu. Das wissen auch die heutigen Fans dieser uniformierten "Helden". Für genau diese "Tapferkeit" bewundern sie ihre "Helden" hinter verschlossener Tür ja bis heute - und die genießen das. Öffentlich betonen sie ein wenig milder, dass ehrenhafte Patrioten, die für eine gerechte Sache kämpften, per Definition keine Verbrecher oder gar Völkermörder sein könnten.

Deutsche Welle Serbisch Dragoslav Dedovic

Dragoslav Dedović leitet die Serbische Redaktion der DW

Nun, da es einen Völkermord gar nicht gab, stellt sich eine neue Frage: Wie nennt man nun das Ganze, was damals passierte im serbisch-kroatischen Krieg? Warum mussten zusammen mit dem Staat Jugoslawien so viele seiner Bürger sterben oder vertrieben werden? Wie soll man nun die Schicksale der Opfer unter einem Begriff subsumieren? Wer - außer Familien - vermisst die Vermissten, die Menschen ohne Grab? Trifft "das Verbrechen gegen die Menschlichkeit" oder sogar der zynische Euphemismus "ethnische Säuberung" den Kern?

Nach Schätzungen nahm rund eine halbe Million Menschen als Kämpfer an den jugoslawischen Zerfallskriegen teil. Viele von denen wissen, wie wenig das Leben eines "gegnerischen" Zivilisten damals wert war. Darüber spricht man nicht gerne - damals wie heute. Stattdessen entwickelte sich "Genozid" zum Lieblingskampfbegriff der postjugoslawischen Politkaste und der frustrierten Massen.

Täter sind nur die Anderen. Wir sind Opfer!

Die anderen waren "Völkermörder" und wir waren gerecht, weil wir unschuldige Opfer sind - so der gemeinsame Tenor auf beiden Seiten der kroatisch-serbischen Grenze. Und ein Blick in ex-jugoslawische Internet-Foren vermittelt mitunter den Eindruck, dass dieses Denken bis heute vorherrscht. Und der serbisch-kroatische Krieg offenbar noch nicht zu Ende ist.

Das

Urteil des Internationalen Gerichtshofs

wird daran nichts ändern. Es ist illusorisch, zu erwarten, dass Serbien und Kroatien das Urteil als Ansporn zu mehr Konsequenz bei der Strafverfolgung der Täter aus den eigenen Reihen oder für die intensivere Vergangenheitsbewältigung verstehen werden. Eher wird man in beiden Ländern das Urteil der Haager Richter als Persilschein für sich und als Justizirrtum mit Blick auf die Entlastung der anderen Seite miss-interpretieren. Die Opfer von damals werden so noch einmal für die Kraftmeiereien der serbischen und kroatischen Nationalisten missbraucht.

Widersprüche der internationalen Justiz in Den Haag können aber über Tatsachen nicht hinwegtäuschen: Auch wenn es entsprechend dem Urteil keinen Völkermord zwischen Serben und Kroaten gegeben hat - es gab im Krieg vor 20 Jahren massenweise schwerste Verbrechen. Und diese wurden mit Vorsatz begangen! Dafür wurden bisher nur wenige Vertreter der damaligen Eliten juristisch belangt. Und das ist nicht gerecht.

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