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Deutschland

Kommentar: Gefährliches Spiel Erdogans

Deutschland wird zunehmend zum Schlachtfeld türkischer Innenpolitik. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat auf seinem Deutschlandbesuch viel Staub aufgewirbelt, meint Baha Güngör.

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Baha Güngör

Baha Güngör, Leiter der türkischen Redaktion der Deutschen Welle

Was der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im Schilde führt, ist nicht zu erkennen. Will er wirklich die Integration der Türken in Deutschland fördern? Wenn ja, warum warnt er derart heftig vor Assimilation und bezeichnet sie als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und unterstellt Deutschland damit indirekt das Ziel der Assimilation? Warum gibt er nicht Preis, wo für ihn die Grenze zwischen Integration und Assimilation ist?

Warum fordert er türkische Schulen und Universitäten in Deutschland und Vorrang für die türkische Sprache, wenn die Menschen, um die es geht, hier in Deutschland geboren werden und hier ihren Lebensmittelpunkt haben werden wie ihre Eltern und Großeltern? Wer hat in Deutschland verlangt, Türkischstämmige müssten ihre kulturellen und religiösen Wurzeln aufgeben?

Perfektes Türkisch als Integrationsvoraussetzung?

Es ist ein gefährliches Spiel Erdogans, wenn er die Perfektion der türkischen Sprache zur Voraussetzung für die Integration erklärt. Vor allem deshalb, weil nach den Moscheen dann auch in den Schulen und Universitäten starke Einflüsse von Glaubensrichtungen und Sekten befürchtet werden müssen.

Die nahezu 20 000 Menschen in der Kölnarena jubelten Erdogan zu, die Türkei sei stolz auf ihn. Die ganze Türkei? Die Polarisierung in dem NATO-Land zwischen den religiösen und laizistischen Lagern, zwischen Sunniten und Aleviten, zwischen Rechtsnationalisten und Europabefürwortern bedroht nunmehr auch den inneren Frieden in Deutschland, das von Erdogans religiös-konservativer AK-Partei zunehmend zum Schlachtfeld türkischer Innenpolitik erklärt wird.

Spannungen auch innerhalb der türkischen Community

Der Oppositionsführer Deniz Baykal von der laizistischen Republikanischen Volkspartei war am Sonntag in Ludwigshafen. Er nahm an der Trauerfeier vor der Überführung der Särge in die Türkei teil. Das wohl vor allem deshalb, weil es sich bei den betroffenen Familien um Aleviten und damit um klassische Anhänger seiner Partei handelt. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, beendete ihre schwere Woche vor Ort und wird nun ihre Eindrücke von der tiefen Kluft nicht nur zwischen Deutschen und Türken, sondern auch zwischen verschiedenen Lagern unter der türkischstämmigen Bevölkerung aufarbeiten müssen.

Deutsch-türkischer Wahlkampf ?

Erdogan plant, auch Auslandstürken Stimmabgabe bei Wahlen in der Türkei zu ermöglichen. Das bedeutet, dass rund eine Million Menschen mit Lebensmittelpunkt in Deutschland nicht nur die Aussicht erhalten, Abgeordnete aus ihren Reihen nach Ankara zu entsenden. Das bedeutet auch, dass die türkischen Parteien ihren Wahlkampf auch auf deutschem Boden führen werden. Mit allen Risiken für die Integrationsziele und für die Sicherheit Deutschlands. Die Ein-Mann-Schau in der Kölnarena war nur ein Probelauf. Der allerdings ist aus Sicht Erdogans sehr gut gelungen.

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