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Wirtschaft

Kommentar: Gefährlicher Alleingang

Die Europäische Zentralbank ist die erste Notenbank, die Anstalten macht, aus der Politik des unbegrenzten und billigen Geldes auszusteigen. Das könnte ein gefährlicher Alleingang werden, meint Rolf Wenkel.

Rolf Wenkel aus der DW-Wirtschaftsredaktion (Foto: DW)

Rolf Wenkel aus der DW-Wirtschaftsredaktion

Der Zustand des Patienten ist stabil genug, um die Herz-Lungen-Maschine abzustellen, aber er bleibt weiter auf der Intensivstation. So könnte man die Äußerungen von Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank verstehen, die er seit der letzten Sitzung des Zentralbankrates am 3. Dezember gelegentlich in die Medien streut. Was ist damit gemeint? Erinnern wir uns: Die globale Wirtschaftskrise nahm ihren Anfang in den Jahren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Der damalige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan tat damals das einzig Richtige, um eine weltweite Rezession zu verhindern: Er flutete die Finanzmärkte mit nahezu unbegrenztem Geld und billigen Zinsen.

Nur hatte er vergessen, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik des unbegrenzenzten und billigen Geldes zu finden. In der Folge wussten de Banken nicht mehr, wo sie ihre Liquidität anlegen sollten und kamen auf die Idee, auch noch dem letzten gering verdienenden Amerikaner eine Hypothek für ein Eigenheim anzudrehen. Diese faulen Kredite wurden mit guten vermischt, die Rating-Agentuen attestierten ihnen ein Triple A, und flugs wurden diese Pakete gewinnbringend weiterverkauft - bis die Mehrheit der Marktteilnehmer zu der Einsicht kam, dass diese Papiere eigentlich nichts wert sind. Die Blase war geplatzt, die Fianzkrise nahm ihren Lauf und schwappte auf die Realwirtschaft über.

Die richtige Medizin

Es mag schwer verständlich sein, weshalb die Zentralbanken dieser Welt wiederum das einzig Richtige taten, um den völligen Kollaps der Weltwirtschaft zu verhindern, nämlich die Märkte mit billigem Geld zu fluten. Nanu? Das, was zur Finanzkrise geführt hat, soll jetzt auf einmal das Allheilmittel sein? Jawohl, denn es war das einzige Mittel, um den Kollaps des globalen Bankensystems zu verhindern. Denn die Banken fingen an, sich gegenseitig zu misstrauen, keiner wusste, welche Milliardenlöcher in der Bilanz des Wettbewerbers schlummern, es drohte eine Kreditklemme, die völlige Austrocknung der Finanzmärkte.

Doch das ist Geschichte. Jean-Claude Trichet, der geldpolitische Chefarzt der Eurozone, kommt jetzt zu einer geteilten Diagnose. Der Bankensektor zeigt sich dermaßen erholt, dass man ihn nicht mehr ad infinitum mit Liquidität zum Nulltarif beatmen muss. Bei vielen Banken sprudeln die Gewinne wieder, was die Gefahr erhöht, dass sich neue Blasen bilden. Die Realwirtschaft dagegen erholt sich nur recht zögerlich, vor allem ist ungewiss, ob die Erholungstendenzen auch anhalten, wenn die Regierungen anfangen, ihre Konjunkturprogramme auslaufen zu lassen und einen Sparkurs einzuschlagen, um ihre Haushalte zu konsolidieren.

Klare Signale

Deshalb das klare Signal an die Banken: Die Zeiten der "unkonventionellen Geldpolitik" sind bald vorbei. Mitte Dezember wird es die letzte Geldzuteilung auf Zwölfmonatsfrist geben, im März nächsten Jahres wird es den letzten Sechsmonatstender geben. Und an die Wirtschaft geht ein ebenso klares Signal: Auch wenn jetzt die Entziehungskur für den Finanzsektor beginnt, wird es vorerst bei dem historisch niedrigen Leitzinssatz von einem Prozent bleiben.

Ein gutes Signal, denn es dokumentiert die Entschlossenheit der EZB, künftige Blasen zu verhindern. Allerdings könnte sich das Signal der EZB als gefährlicher Alleingang entpuppen. Denn die amerikanische Fed macht noch keinerlei Anstalten, den Einstieg in den Ausstieg zu beginnen. Und die Chinesen sagen, wir warten ab und tun nichts ohne die Amerikaner. Somit entsteht die Gefahr so genannter carry-trade-Geschäfte, dass nämlich die Investoren in den USA Geld zum Nullzins aufnehmen und in Euroland zu einem höheren Zins wieder anlegen. Die zunächst aufgesaugte Liquidität würde über diesen Umweg wieder ins Euroland schwappen, solange die Fed nicht einen ähnlichen Kurs wie die EZB einschlägt. Ein weltweit koordinierter Ausstieg wäre also wünschenswert - doch der ist leider noch nicht in Sicht. Muss sich erst die nächste Monsterblase entwickeln?

Autor: Rolf Wenkel
Redaktion: Danhong Zhang