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Nahost

Kommentar: Gefährliche Wende

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat sich nach dem Abschuss eines Militärflugzeugs für das Säbelrasseln gegen Syrien entschieden. Dieser Konflikt erhöht die Gefahren für die gesamte Region, meint Baha Güngör.

Porträt von Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion in der DW (Foto: DW)

Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion

Das Staunen über die gemäßigten Reaktionen aus Ankara während der ersten Tage nach dem Abschuss eines türkischen Aufklärungsflugzeugs durch Syrien hielt nicht lange an. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan reagierte auf den Druck der Opposition in seinem Land: Seine martialischen Drohungen lassen nichts Gutes erwarten. Sollte jetzt auch nur ein syrischer Hubschrauber irgendwo entlang der über 800 Kilometer langen gemeinsamen Grenze den türkischen Luftraum verletzen, müsse mit seinem gnadenlosen Abschuss gerechnet werden.

Eine direkte kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem NATO-Mitglied Türkei und Syrien dürfte die westliche Allianz auf den Plan rufen. Die Türkei, die seit 1952 Bündnismitglied ist, könnte den ihr zustehenden Anspruch auf Unterstützung durch die NATO im Falle einer ernsthaften Bedrohung gültig machen und Beistand anfordern - wie sie es bereits 2003 getan hat, zu Beginn des Irak-Kriegs. Genau wie damals würde die Türkei der NATO einen Vorwand bieten, um das fliegende Frühwarnsystem AWACS sowie die Abwehrraketen Patriot auf türkischem Territorium zu stationieren.

Im Konflikt mit Syrien geht es aber nicht ausschließlich um eine bilaterale Auseinandersetzung zwischen der Türkei und Syrien. Das verbrecherische Regime in Damaskus steht unter internationalem Druck und versucht, mit Hilfe von Russland und China Zeit zu gewinnen - was ihm aber nicht gelingen dürfte. Somit bedeutet Erdogans Entscheidung für das Säbelrasseln eine erhebliche Erhöhung der Gefahren für die Region.

Kette der Gefahrenpotentiale

Die Türkei befindet sich ohnehin seit 18 Jahren im Krieg mit kurdischen Separatisten, deren Quartiere sich im Norden des Irak befinden. Somit müsste die türkische Armee gegen Syrien eine zweite Front bilden, was die Länge der zu schützenden Grenzen zu beiden Nachbarstaaten auf weit mehr als 1000 Kilometer ausweiten würde.

Niemand kann im Moment voraussehen, wie sich der Iran als weiteres Sorgenkind der internationalen Staatengemeinschaft verhalten würde. Es ist kaum anzunehmen, dass Teheran mit verschränkten Armen zusieht, wie in der Region AWACS-Flugzeuge in der Luft kreisen und Patriot-Raketen in Anatolien aufgestellt werden. Die Kette der Gefahrenpotentiale würde mit unvorhersehbar schlimmen Folgen über den Iran hinaus bis nach Israel und in die arabischen Staaten reichen.

Die Hoffnung, dass das Assad-Regime bald zusammenbricht und die Welt aufatmet, wird durch die von Erdogan angedrohten Vergeltungsaktionen immer schwächer. Es wäre schade um die Türkei, die sich in Zeiten der internationalen Wirtschaftskrise als Musterschüler Bestnoten verdient, das aber leichtfertig aufs Spiel zu setzen scheint. Die beiden vergangenen Kriege der internationalen Allianz gegen den Irak haben der Türkei enorme wirtschaftliche Schäden zugefügt. Das Land hat sich nur schwer davon erholt.

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