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Kommentare

Kommentar: Gauck for president!

Ein Jahr, bevor die Bundesversammlung zusammentritt, um einen Bundespräsidenten zu wählen, läuft die Debatte an über eine zweite Amtszeit für Joachim Gauck. Sie sollte schnell beendet werden, meint Marcel Fürstenau.

Noch ein Jahr lang wird Joachim Gauck als höchster Repräsentant der Republik Deutschland in aller Welt vertreten. Mindestens ein Jahr, denn er könnte ja für eine zweite Amtszeit gewählt werden. Sollte das in Politik und Gesellschaft einflussreiche Boulevardblatt "Bild" recht behalten, tritt der frühere DDR-Bürgerrechtler nochmal an. Angeblich aus Pflichtgefühl - wegen der Flüchtlingskrise mit all ihren Begleitumständen. Dazu gehört auch das Erstarken des rechten politischen Rands. Die zunehmende Radikalisierung in Wort und Tat muss einen wie Gauck besonders erschrecken. Der Pfarrer aus Rostock hat 40 Jahre, also mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens, in einer Diktatur gelebt.

Der Hinweis auf sein Alter - Gauck wurde vor drei Wochen 76 - ist zugleich das einzige ernst zu nehmende Argument gegen eine zweite Amtszeit. Doch der Bundespräsident wirkt noch immer so frisch, wie bei seiner Wahl am 18. März 2012. Gauck ist körperlich und geistig in bester Verfassung. Gauck ist in der Bevölkerung populär. Gauck ist bei den (meisten) Parteien beliebt. Er wurde von Konservativen, Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen gewählt. Und die meisten Vertreter dieses breiten politischen Spektrums würden es wieder tun, wie im Berliner Regierungsviertel zu vernehmen ist.

Bitte keine peinliche Kandidatensuche!

Es liegt also einzig und allein an Gauck selbst, sich zu erklären. Er sollte dies - mit der gebotenen Zurückhaltung - bald tun. Dabei müssten ihm die Parteien behilflich sein, indem sie das amtierende deutsche Staatsoberhaupt erneut als gemeinsamen Kandidaten vorschlagen. Es spricht viel dafür, dass der Umworbene der Bitte nachkommen würde. Das hätte Vorteile für alle Beteiligten. Dem politischen Betrieb und der Öffentlichkeit bliebe die mitunter quälende Suche nach überzeugenden, überparteilichen Kandidaten erspart.

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Daran krankte die Präsidentenwahl schon oft, weil es zu offensichtlich und plump nur um strategische Interessen einzelner Lager ging. Wohin das führen kann, zeigte sich auf erschreckende Weise bei Gaucks zurückgetretenem Vorgänger Christian Wulff. Der niedersächsische CDU-Ministerpräsident legte im vergleichsweise jugendlichen Alter von 51 Jahren seinen Posten nieder, um sich zum Nachfolger des glücklosen und ebenfalls zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler wählen zu lassen. Schon Wulffs Kür hatte etwas Unwürdiges.

Ein glaubwürdiger Bürgerpräsident

Gauck hingegen hat dem Bild vom souveränen Staatsoberhaupt in seinen ersten vier Jahren neuen Glanz verliehen. Sein Credo, sich als Bürgerpräsident zu verstehen, hat nichts Anbiederndes. Seine Vita weist ihn als authentischen, glaubwürdigen Mann aus dem Volk aus. Einer, der in der DDR kein Revoluzzer war, aber schon gar kein opportunistischer Parteigänger. Gauck ist frei vom mitunter muffigen Stallgeruch der Parteipolitik. Als Mitbegründer des Neuen Forums war er Teil der erfolgreichen DDR-Oppositionsbewegung im Herbst 1989.

Im deutschen Vereinigungsprozess widersetzte er sich als Abgeordneter von "Bündnis 90" Plänen Helmut Kohls, die Stasi-Akten in den Giftschrank zu stecken. Mit seiner Hartnäckigkeit qualifizierte er sich fast automatisch für den so wichtigen Chefsessel in der kurz danach geschaffenen Stasi-Unterlagen-Behörde. Zehn Jahre leitete er diese für den inneren Frieden Deutschlands so wichtige Behörde mit großer Umsicht. Zehn Jahre Bundespräsident Joachim Gauck könnten Deutschland ebenfalls gut tun.

Gauck kann zuhören, reden und urteilen

Seine bisherige Bilanz als Staatsoberhaupt fällt positiv aus. Ziel der ersten Auslandsreise war Polen. Damit würdigte er das "Land der Freiheit", von dem entscheidende Impulse für die Demokratisierung des europäischen Ostblocks ausgegangen waren. Sein Lebensthema Freiheit ist die große Konstante in Gaucks Amtsführung. Gepaart mit der Fähigkeit, die deutsche Verantwortung vor der Geschichte schuldbewusst, aber auch selbstbewusst und glaubwürdig zu verkörpern. So tat er es bei seinem Staatsbesuch in Israel kurz nach seiner Wahl 2012 oder im vergangenen Jahr beim Besuch wichtiger KZ-Gedenkstätten, darunter Auschwitz und Buchenwald.

Natürlich gab und gibt es auch Kritik an Gauck. Manchen geht sein Plädoyer für mehr militärische Verantwortung Deutschlands in der Welt viel zu weit. Aber auch hier bleibt er seinen Überzeugungen treu und richtet sich nicht nach der Erwartungshaltung der vermeintlichen Mehrheit. Mit dieser Haltung ist er der ideale Mann für weitere fünf Jahre als Bundespräsident. In einer Zeit, in der Deutschland angesichts der Flüchtlingskrise eine gewaltige Integrationsleistung erbringen muss. Gauck kann zuhören. Gauck kann reden. Gauck kann urteilen. Er ist der Richtige für eine teilweise verängstigte Bevölkerung aus Alt- und Neubürgern. Keine langen Debatten bitte! Gauck for president!

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