Kommentar: Fußball-WM in einem sterilen Land | Kommentare | DW | 13.06.2018
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Kommentar

Kommentar: Fußball-WM in einem sterilen Land

Endlich kann Russland die Welt überraschen und sich von seiner besten Seite zeigen. Das Land hat sich herausgeputzt. Schön. Sehr schön. Schauderhaft schön, meint Juri Rescheto.

Die Mitarbeiter des Hygiene-Zentrums und des Amtes für Epidemiologie der Gebietsverwaltung von Jekaterinenburg melden, die  städtischen Seen erfolgreich gegen die Mückenlarven behandelt zu haben. Kein russisches Insekt soll die WM-Besucher aus Ägypten oder Uruguay in Jekaterinenburg stechen.

Das Moskauer Amt für regionale Sicherheit und Korruptionsbekämpfung meldet, den Alkoholverkauf im Radius von zwei Kilometern um die Stadien in den folgenden vier Wochen deutlich eingeschränkt zu haben. Den WM-Fans aus Deutschland und Argentinien soll das hässliche Klischee vom notorisch betrunkenen Russen erspart bleiben.

Und nicht nur von denen. Sondern auch von russischen Bettlern, tadschikischen Arbeitsmigranten und oppositionell gestimmten jungen Menschen. Dafür treten entsprechende Sondererlasse in Kraft: zum Beispiel über ein Versammlungs- und Demonstrationsverbot. Oder verschärfte Migrationsregeln.

Kein Müll in den Ecken, kein Graffitti an den Wänden, keine Sprünge in den Fenstern. Stattdessen: neu gepflasterte Wege, frisch sanierte Fassaden, über Nacht gewachsene Bäume. Schick und schön!

Verglichen mit New York, Berlin oder Paris werden ausländische WM-Besucher in der Tat von der Sauberkeit der russischen WM-Metropolen erstaunt sein. Mehr noch: Auch von extra-breiten Bürgersteigen, neu markierten Fahrradwegen und vergleichsweise günstigen Taxis, die sie davon überzeugen sollen, wie sicher, fortschrittlich und weltoffen das moderne Russland ist. Wegen zu viel Sauberkeit hat sich schließlich noch niemand beschwert. Und auch Sicherheit schätzt jeder Mensch. Also alles bestens in Russland!

WM-Besucher unter sich

Schade nur, dass die WM-Besucher auf den extra-breiten Bürgersteigen oft unter sich bleiben werden, weil die meisten Moskowiter ihre Wohnungen im Zentrum an Ausländer vermieten und sich in ihre Datschen am Stadtrand zurückziehen. Schade, dass kaum eine Fahrradklingel auf den Fahrradwegen zu hören sein wird, weil man die Fahrradwege in Moskau sowieso an einer Hand abzählen kann. Schade, dass es kaum wirkliches Straßenleben in Sankt Petersburg oder Jekaterinenburg geben wird, wie man es etwa aus Berlin oder Madrid kennt. Grillen im Park? Um Gottes Willen! Knutschen auf der Bank? Wenn überhaupt, dann aber bitte nur heterosexuell!

Rescheto Juri Kommentarbild App

Juri Rescheto leitet das DW-Studio in Moskau

Anlässlich der WM sind die offiziellen Beziehungen zwischen dem russischen Staat und den ausländischen Fans, die diesen Staat besuchen möchten, ganz besondere. Zumindest an den elf Spielorten. Seit dem 25. Mai gilt nämlich eine Sonderregelung des Innenministeriums, die alle aus dem Ausland Anreisenden verpflichtet, sich innerhalb von drei Tagen bei der Polizei oder der Migrationsbehörde zu melden. Persönlich. Froh sollen sie sein, diese Neuankömmlinge, dass man ihnen ganze drei Tage Zeit gibt: Urprünglich war nur von einem Tag die Rede.

Der ausländische WM-Besucher, der keine Lust auf negativ besetzte Themen wie die Annexion der Krim, den Krieg im Donbass oder die Vergiftung der Skripals hat, kann diesen leicht ausweichen. Doch wer dann ein anderes Russland erleben möchte, wird es mit einem zu schönen, zu sauberen, ja fast sterilen Land zu tun haben. Hülle statt Seele, Verordnung statt Enthusiamus - ein Spiegelbild der allmählichen Säuberung des öffentlichen Raums, die schon seit Jahren in Russland voranschreitet.

Immer mehr wie in der Sowjetunion

Ein öffentlicher Raum, der immer mehr an die untergegangene Sowjetunion erinnert. Unternehmensgründung? Theoretisch machbar, aber praktisch fast unmöglich - zu viel Bürokratie. Freie Meinungsäußerung? In der Verfassung verankert, doch in Wirklichkeit bestraft. Kritik? Wird im Keim erstickt.

Da bleibt nur die Hoffnung auf den Iwan-Normalrussen, der einen John-Normalengländer oder einen Otto-Normaldeutschen herzlich zu sich nach Hause einlädt. In seine wirklich gemütliche Küche. Wo selbst zu Sowjetzeiten frei gesprochen wurde und das Bild an der Wand auch ein bisschen schief hängen darf.

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