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Europa

Kommentar: Fraternité gegen das Krebsgeschwür des Antisemitismus

Die Übergriffe gegen Juden in Frankreich haben sich in diesem Jahr verdoppelt. Antisemitismus ist kein Randproblem und die Franzosen können ihn nur gemeinsam besiegen, meint Max Hofmann.

Der kleine 80-jährige Mann wollte nicht, dass ich seinen richtigen Namen in meinem Beitrag verwende. Wir einigten uns auf den Arbeitsnamen Sigismund Silberstein. Er hatte immer noch Angst, dass ihn irgendjemand aus Deutschland finden und wegen seiner jüdischen Religion attackieren könnte. Silberstein war in den 1930er-Jahren vor den Nazis nach Frankreich geflohen. Nur in seinem kleinen Apartment in einem Pariser Vorort fühlte er sich sicher.

Meine Begegnungen mit Silberstein fanden 1994 und 1995 statt, inzwischen ist er gestorben. Sicher ist, dass das Frankreich von heute, 20 Jahre später, ihm wohl kaum noch Geborgenheit bieten könnte. Der Antisemitismus breitet sich aus wie ein Krebsgeschwür und die Gesellschaft ist so gespalten, dass es keine einfache Lösung mehr für dieses Problem geben kann.

Wirtschaftliche Probleme auf die Reihe bekommen

Max Hofmann

DW-Redakteur Max Hofmann

Viele Politiker gestehen inzwischen ein, dass sich der

französische Antisemitismus

nicht nur aus ein paar Verrückten speist, alles andere wäre auch Augenwischerei. Eine neue Studie des französischen Meinungsforschungsinstituts IFOP zeigt das ganz klar: Erschreckende 25 Prozent der Befragten fanden, dass "Juden zu viel Macht in den Bereichen Wirtschaft und Finanzen" hätten. Solche Ansichten sind noch einmal deutlich höher bei Muslimen und Anhängern extremer Parteien, vor allem des Front National.

Wenn ein solches Krebsgeschwür in der Gesellschaft wächst, muss die Politik jeden Hebel nutzen, den sie hat: in den Bildungseinrichtungen, über die Medien und mit Fördergeldern, zum Beispiel für toleranzfördernde Projekte. Am allerwichtigsten aber ist es, dass Frankreich endlich seine wirtschaftlichen Probleme auf die Reihe bekommt. Denn nur weil große Teile der Gesellschaft keine wirtschaftlichen Perspektiven mehr haben, gibt es überhaupt den Nährboden für den wachsenden Antisemitismus.

Brüderlichkeit!

Dieser Nährboden bietet auch anderen Irrungen beste Wachstumsbedingungen. Es ist kein Zufall, dass in absoluten Zahlen gemessen die meisten EU-Dschihadisten (Foreign Fighters) aus Frankreich kommen. Am Anfang all dieser gesellschaftlichen Probleme steht ein explosiver Cocktail, der schon vor Jahrzehnten gebraut wurde: verfehlte Städteplanung mit folgender Ghettoisierung der Immigranten aus Nordafrika, verfehlte Sozialpolitik mit folgender Chancenlosigkeit für ärmere Bevölkerungsschichten, verfehlte Industriepolitik mit folgendem Abgleiten der französischen Wirtschaft in die Bedeutungslosigkeit.

Auch wenn eine leidvolle Nabelschau sicherlich notwendig ist, müssen die Franzosen jetzt nach vorne schauen. Ganz Frankreich muss der Brüderlichkeit im Leitspruch "Liberté, Égalité, Fraternité" neue Bedeutung verleihen. Alle gemäßigten Parteien, die Gewerkschaften, das riesige Netz von gemeinnützigen "Associations", Prominente, Vertreter verschiedener Religionen - auch der Muslime - müssen an einem Strang ziehen. Sonst wird sich das Krebsgeschwür Antisemitismus weiter ausbreiten.

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