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Standpunkt

Kommentar: Franziskus, wäge deine Worte!

Es irritiert, wenn falsche Bilder die päpstliche Botschaft verdunkeln. Jetzt ist es die Rede von "Konzentrationslagern" für Flüchtlinge in Europa. Wieder ein Franziskus-Zitat, mit dem Christoph Strack unglücklich ist.

Italien Rom Papst Franziskus in der Kirche San Bartolomeo (Reuters/M. Brambatti)

Papst Franziskus am vergangenen Samstag in der Bartholomäuskirche auf der Tiber-Insel

Die Rede des Papstes vom Wochenende hat viele Menschen irritiert, wie man im Netz und in manchen Zeitungen sehen kann. Franziskus äußerte sich bei einem Besuch in der Bartholomäuskirche auf der Tiber-Insel, die viele Rom-Touristen kennen, falls sie mal zu Fuß nach Trastevere geschlendert sind. Ein beeindruckender, auch bedrückender, oft stiller Ort des Gedenkens an die christlichen Märtyrer der Gegenwart. Und Franziskus, der diese Kirche besuchen wollte, äußerte sich - spürbar bewegt, zum Teil abweichend vom Predigttext - bei einer Feier zum Gedenken an moderne christliche Märtyrer.

Konzentrationslager - ein polarisierender Begriff

Und was sagte er nun? Radio Vatikan berichtet: "Bereits in seiner Predigt hatte er sehr deutliche Worte gefunden und von 'Konzentrationslagern' gesprochen, damit aber (im Radiomitschnitt findet sich an dieser Stelle noch ein 'wohl') nicht die deutsche Geschichte, sondern allgemein die Grausamkeit gemeint, der Flüchtlinge und Migranten in den Lagern ausgesetzt sind. Er erzählte von seinem Besuch auf Lesbos, bei dem er eines der Lager besucht hatte. 'Die Flüchtlingslager - so viele - sind Konzentrationslager, durch den Irrsinn der Menschen, welche sie dort drinnen lassen.' "

Ja, wir Deutschen mögen fixiert sein darauf, wenn der Begriff oder Vergleich "Konzentrationslager" fällt. Der ein oder andere verweist auf die "Concentration Camps", die die britische Armee im Zweiten Burenkrieg zwischen 1899 und 1902 eingerichtet hatte. Zu Tausenden gestorben wurde auch dort - wegen Hunger. Nicht wegen massenhafter Tötungen oder Strafen. Gemordet, zigtausendfach, wurde in deutschen Konzentrationslagern, nicht allein in den Vernichtungslagern.

Strack Christoph Kommentarbild App

Christoph Strack ist der Kirchenexperte der DW

Aber das ist gar nicht der springende Punkt: Man könnte Menschen in Frankreich, Polen oder Ungarn, in ganz Mitteleuropa, auch Menschen in den USA oder Israel fragen, was ihnen beim Begriff "Konzentrationslager" einfällt. Und bekäme meist "Hitler" oder "Nazi-Deutschland" zu hören. Und deswegen gilt völlig zu Recht: Selbst bei noch so guter Absicht sind erkennbare NS-Bezüge im Vergleich immer falsch.

In den Flüchtlingslagern in Griechenland oder in Italien wird nicht gemordet oder erschossen, wird nicht Leben selektiert. Auch wenn die Zustände dort gelinde gesagt schwierig sind. Und seit dem sogenannten Flüchtlingsdeal mit der Türkei wirkt es so, als habe Europa in diesem Jahr mit vielen sensiblen Wahlen - Niederlande, Frankreich, Deutschland - die ihm lästigen Flüchtlinge am Rande der EU einfach vergessen. Franziskus war vor einem Jahr im Camp Moria auf Lesbos. Die Erschütterung, die er dort spürte, ist bei seinen Äußerungen bis heute zu spüren. Aber hätte es nicht gereicht, wenn Franziskus von "Gefängnissen" oder von "riesigen Gefängnissen", die Europa unwürdig sind, gesprochen hätte?

Vor allem Kritik der Dauerkritiker

Unter Verweis auf seine Wortwahl kritisieren nun jene Franziskus, die nach diversen seiner Formulierungen (von der "arabischen Invasion" über ein paar harmlose Schläge bei der Kindererziehung bis zum Hinweis an Katholiken, sich "nicht wie die Kanickel" vermehren zu müssen) längst irritiert sind. Und es schmähen ihn vor allem jene, die die Linie dieses Papstes prinzipiell kritisch sehen und ihn ohnehin gern in ein schlechtes Licht setzen.

Dabei spricht aus der Äußerung des Papstes die Wut eines 80-Jährigen, den die Europäer hofieren, wenn er die Seele Europas streichelt, dessen humanitäre Appelle sie aber ausblenden. Und es ist gut, dass es diese Wut gibt. Wen rühren die Dramen in den Lagern noch an, wer verzweifelt über das Sterben auf dem Mittelmeer? Da ist jeder Appell, jeder verzweifelte Weckruf des Papstes berechtigt. Ach, Franziskus, sei wütend. Du bist es völlig zu Recht. Doch wäge Deine Worte.

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