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Standpunkt

Kommentar: Fidel Castro – vom gescheiterten Politiker zum universellen Mythos

Durch seinen Tod betritt der "letzte Revolutionär des 20. Jahrhunderts" Castro jenen mystischen Raum der Anbetung und Verteufelung, der Persönlichkeiten wie Lenin, Mao und Ho Chi Minh vorbehalten ist, meint Amir Valle.

Kaum hatte der kubanische Revolutionsführer für immer die Augen geschlossen, brach der Kampf zwischen jenen aus, die ihn verleumden und denen, die ihn vergöttern. Beiden Lagern scheint klar zu sein, dass der Mythos Fidel Castro entstehen wird, sobald seine Asche auf dem Friedhof von Santa Ifigenia in Santiago de Cuba ruht.

Diejenigen, die in Fidel einen Anführer im Kampf gegen den weltweiten Imperialismus sahen, bauschen bereits die Gründe auf, weshalb er die ewige Heldenverehrung verdient, ohne sich an seine gigantischen Fehler und boshaften Strategien erinnern zu wollen. Und jene, die ihn auf eine gleiche Stufe mit Völkermördern wie Hitler, Stalin oder Pol Pot stellen, konzentrieren sich nur auf seine politischen, wirtschaftlichen und sozialen Misserfolge, vergessen dabei jedoch seine größten Leistungen.  

Einmal mehr seit dem Sieg der Kubanischen Revolution 1959 analysiert die Welt die kubanische Realität in absoluten Kategorien: Schwarz oder Weiß.  

Was kommt nach Fidel Castro?

Unter den Inselbewohnern kursiert derzeit der Witz, dass "Fidel selbst im Tod die Kubaner dazu zwingt, Schlange zu stehen". Gemeint sind damit die langen Warteschlangen, die sich vor einem Altar mit dem Bild und den Medaillen des Revolutionsführers bildeten. Dabei wussten viele gar nicht, dass seine sterblichen Überreste in Wirklichkeit in einem anderen Gebäude aufbewahrt wurden, zu dem nur ausländische Staatsoberhäupter sowie ausgewählte kubanische und ausländische Persönlichkeiten Zutritt hatten. 

Amir Valle Kommentarbild PROVISORISCH

Amir Valle arbeitet für die lateinamerikanische Online-Redaktion der DW

Die Art der Begräbnisfeierlichkeiten, die die Regierung in Havanna für den "höchsten Kommandanten" bestimmt hat, wirft eine Frage auf: Was kommt nach Fidel? Sein Tod überschneidet sich mit zwei Problemen, die die alte Castro-Riege dringend lösen muss. Einerseits verliert sie an politischer Glaubwürdigkeit, da viele Kubaner Raúl Castro vorwerfen, er habe zu viel kostbare Zeit verschwendet ohne auf die einseitigen Zugeständnisse von Barack Obama einzugehen.

Gleichzeitig befürchten sie, dass die Regierung sich angesichts eines möglichen Rückschritts in den bilateralen Beziehungen zwischen Kuba und den USA, den die neuesten Aussagen Donald Trumps nahelegen, wieder verschanzen könnte. 

Andererseits zweifelt das Volk an der Ehrlichkeit und politischen Fähigkeit jener, die Raúl Castro 2018 ablösen sollen. Die sogenannten "Neocastristen", die in den Augen Vieler nur noch dem Geld und keiner Ideologie folgen, könnten daran interessiert sein, einen zügellosen Kapitalismus einzuführen, vor dem sich alle Kubaner fürchten. 

Ein Glücksfall für den Tourismus

Es ist kein Zufall, dass das Volk jetzt zu dem Schwur aufgefordert wird, das Revolutionskonzept von Fidel Castro auf ewig zu verteidigen. Zum einen soll der Mythos dazu dienen, den Misserfolg des politischen Projekts der Revolution herunterzuspielen. Zum anderen schafft die neue Castro-Riege ein ideologisches Fundament, das sie nutzen kann, um das "Erbe des Kommandanten" weiterzuführen.

Es stört auch nicht, dass der Versuch unternommen wird, die Figur Fidel Castros mit dem geliebten kubanischen Helden und Unabhängigkeitskämpfer José Martí gleichzusetzen. Einige Regierungssprecher behaupten bereits, dass das Erbe Fidels größer sei. Daher ist es für sie auch nichts Befremdliches, dass seine Asche neben den sterblichen Überresten von José Martí in Santiago de Cuba ruhen soll und nicht auf dem Familienfriedhof der Castros.

Das intellektuelle und politische Erbe Martís hat bereits die Prüfung der Zeit bestanden. Nun muss sich Fidel diesem Kampf stellen, der vermutlich sein letzter sein wird. Die Schatten Lenins, eines ebenfalls vergötterten Anführers, wurden erst 70 Jahre nach seinem Tod aufgedeckt. Dasselbe geschah mit Mao, Stalin und Che Guevara. Wird der Mythos den gescheiterten Strategen überleben?

Wie dem auch sei, ab heute wird zumindest der Tourismus in Santiago de Cuba zunehmen: Ähnlich wie die Mumie Lenins im Kreml gibt es dort ab sofort eine neue historische Sehenswürdigkeit, die mit Sicherheit viele Touristen aus der ganzen Welt anziehen wird.