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Europa

Kommentar: Feuer außer Kontrolle

Auch 100 Jahre nach dem Attentat von Sarajevo wird dieses Ereignis in verschiedenen Ländern Europas unterschiedlich gedeutet. Dragoslav Dedović plädiert für mehr Gelassenheit.

Graffito des Attentäters Gavrilo Princip in Sarajevo (Foto: DW / Frank Hofmann)

Graffito des Attentäters Gavrilo Princip in Sarajevo

Als Gavrilo Princip vor genau 100 Jahren in Sarajevo drei Schüsse abgab, ahnte er wohl kaum, was diese Kugeln alles auslösen würden: Aus dem Attentat entstand in einer Kettenreaktion der Erste Weltkrieg, in dem vier europäischer Reiche untergegangen sind und 15 Millionen Menschen starben.

Auch ein südslawischer Staat unter serbischer Führung wurde 1918 gegründet. Gavrilo Princip und seine Komplizen aus der revolutionären Organisation “Mlada Bosna” (Junges Bosnien) sahen vor dem Krieg in einem solchen Staat das ultimative Traumziel für alle unter Fremdherrschaft stehenden Südslawen. Doch der Preis war letztendlich zu hoch: Mehr als ein Viertel aller Serben ist im Ersten Weltkrieg umgekommen! Der neugegründete südslawische Staat glich eher einem Lazarett und einem Friedhof als dem erhofften Traumziel. Genau wie auch weite Teile Europas. Der alte Kontinent, der sich selbst für die Wiege und das Zentrum der menschlichen Zivilisation hielt, hatte sich selbst zertrümmert.

Medial verflachte Debatte

Das Attentat von Sarajevo bewegt auch nach 100 Jahren noch viele Menschen. In Sarajevo, in Belgrad, in Wien sowie anderswo in Europa. Die Nachkommen der einstigen Feinde führen eine Debatte über Ursache und Verantwortung für das Geschehene. Oft wird diese Debatte - wenn sie den Elfenbeinturm der wissenschaftlichen Kreise verlässt - medial verflacht und mit falschen Begriffen besetzt.

Dragoslav Dedović, Leiter der serbischen Redaktion der DW (Foto: DW)

Dragoslav Dedović, Leiter der serbischen Redaktion der DW

"Schuld" ist einer davon. Die Frage wird gestellt: Wer sei Schuld am Krieg? Auf der Suche nach einer Antwort wird gerne der beliebig auslegbare Begriff "Terrorist" benutzt. Aber müssten nicht diejenige, die den Attentäter Gavrilo Princip als Terroristen bezeichnen, auch etwa Lee Harvey Oswald, den mutmaßlichen Mörder des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy als Terrorristen betiteln? Oder gar Brutus - einen der Mörder Gaius Iulius Cäsars? Sie tun das aber nicht. Warum? Weil nur Gavrilo Princip als ideale Projektionsfläche taugt, um von anderen Verantwortlichen im Sommer 1914 abzulenken. Es ist einfacher, die "Schuld" für 15 Millionen Tote bei einem Neunzehnjährigen mit Revolver als im imperialistischen Ehrgeiz damaliger Großmächte zu sehen.

Altbekannte Muster

Insbesondere in den Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens, aber auch anderswo in Europa, wird der Erste Weltkrieg, vor allem aber das Attentat von Sarajevo noch immer völlig unterschiedlich bewertet. Um das zu sehen, genügen ein paar Klicks in Wikipedia. Gavrilo Princip ist beispielsweise in der deutschsprachigen "Freien Enzyklopädie" ein "separatistischer Attentäter". Die Briten behaupten, "Princip was a Yugoslav nationalist". Die Russen erwähnen das, was auf der deutschen Seite nicht zu finden ist: Gavrilo Princip habe gegen die Okkupation seines Landes durch Österreich-Ungarn gekämpft. Die bosnische Wikipedia-Seite betitelte ihn als "serbischen Nationalisten". Die kroatische Seite betont dagegen Princips Nähe zu kroatischen Gegnern der Doppelmonarchie. Die slowenische Seite spiegelt das wider, was wahrscheinlich eine fehlende österreichisch-ungarische Seite behaupten würde: Princip sei ein Mitglied der terroristischen Organisation Jungbosnien gewesen.

Woran liegt es, dass wir auch im Jahre 2014 nicht in der Lage sind, eine gemeinsame Erinnerung herzustellen? Vermutlich daran, dass wir, Europäer unterschiedlicher Nationalitäten, in unseren jeweiligen kulturellen Identitäten immer noch durch national überlieferte Erzählungen über den eigenen mehr oder weniger gerechten Kampf im Ersten Weltkrieg geprägt sind. Durch diese Brille sehen wir auch ihn, den Attentäter von Sarajevo, Gavrilo Princip, seine Tat und seine Opfer - den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie.

Anlässlich eines solchen Jahrestages muss sich heute jeder Europäer eine simple Frage gefallen lassen: Sind einseitige Sichtweisen nur dann weniger einseitig, wenn sie den eigenen liebgewonnenen Klischees entsprechen?

"Unity in diversity"

100 Jahre danach wirkt es reichlich anachronistisch: Gavrilo Princip soll nun ein Denkmal in Belgrad erhalten. Zum Trost der Fans der untergegangenen österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie: Die Stadtverwaltung von Sarajevo überlegt seit einem Jahr, ein Denkmal für Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie zu errichten.

Doch es geht im Jahre 2014 nicht mehr um die absolute Wahrheit, um Deutungshoheit, Propaganda, Schuld oder Sühne. Es geht darum, wie wir als Europäer mit unseren Unterschieden ohne Rückfall in ein Freund-Feind-Schema umgehen können. Deswegen sollte man in diesem Jubiläumsjahr ein wenig Geduld füreinander aufbringen. Nach dem Motto "Unity in diversity". Denn es gibt eine entscheidende Lehre aus der Geschichte: Gewalt ist keine Lösung - egal, ob es sich um eine Okkupation, eine Annexion oder ein Attentat handelt.

100 Jahre nach dem Startschuss für die erste große Weltkatastrophe möchte ich für ein wenig Leichtigkeit im Umgang mit der Vergangenheit plädieren. Mein konkreter Vorschlag: Die Gavrilo-Princip-Straße in Belgrad sollte man künftig am 28. Juni sperren lassen. Dort könnte dann die schottische Band Franz Ferdinand ihre Hits spielen. Zum Beispiel: #link:http://www.youtube.com/watch?v=IJr5l7j8VeU:This Fire is out of control!#

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