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Deutschland

Kommentar: Feiern – und nicht vergessen

25 Jahre nach dem Mauerfall leuchtet die Erinnerung an die Mauer quer durch Berlin. Christoph Strack findet: Diesen 9. November - diesen Schicksaltag der Deutschen - begingen die Berliner würdig und würdevoll.

Die Stadt Berlin hat so ihren eigenen Umgang mit besonderen Anlässen. Einkaufen, Shopping – zumindest das fällt der städtischen Verwaltung meist ein. So öffneten auch an diesem Sonntag, diesem 9. November 2014 ausnahmsweise die Geschäfte. Ob freudige Erinnerung an die Revolution von 1989 oder Gedenken an die Pogrome von 1938, die Menschen auf den Straßen sollen doch das Alltägliche tun: Einkaufen.

Dabei blieb es nicht - Gottseidank. Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen entdeckten an diesem November-Wochenende die Stadt neu, auch die Erinnerung an die Mauer, die 28 Jahre lang Ost und West und die Stadt geteilt hatte. Zu verdanken ist das der betörend schönen Idee einer "Lichtmauer". Gut 7000 Ballons, über 15 Kilometer entlang des früheren Mauerverlaufs verteilt, zogen die Menschen in ihren Bann.

Berlin, eine verzauberte Stadt

Über Tage hinweg folgten sie dieser Spur - und entdeckten die Spuren der Mauer neu. Ob mittags um zwölf oder Mitternacht: Auf den meisten Abschnitten drängten sich da die Besucher. Da übersetzten Touristen einander die deutschen und englischen Info-Texte, da besprachen Berliner miteinander die Unterschiede zwischen damals und heute. Nachdenklich schweigend oder freudig dankbar, einander etwas erzählend, und immer wieder Erinnerungen teilend. Manchmal nur zögerlich, fast stotternd. "Das war alles noch viel schlimmer…."

Christoph Strack, Redakteur im Hauptstadtstudio der DW (Foto: DW)

Christoph Strack, Redakteur im Hauptstadtstudio der DW

Das macht den 9. November so besonders. Die Erinnerung an die 89er-Revolution braucht eigentlich keinen offiziellen Festakt, sie selbst wird zum Fest. Die offiziellen Feierstunden im Bundestag am Freitag und im Konzerthaus am Sonntag ähnelten einander: Sie brauchten die Fernsehbilder dieser so glücklichen Berliner Nacht 1989, sie brauchten die bewegende Erinnerung. Und natürlich war bei diesen Reden parteiübergreifend die DDR ein "Unrechtsstaat", war der Mauerfall ein "Wunder". Manche Reden waren ernster: Kanzlerin Merkel sprach diesmal von der Ukraine, von Syrien und dem Irak. Vielleicht war die würdige Dankbarkeit des 9. November 2014 auch der schwieriger werdenden Weltlage geschuldet.

Gottesdienste eröffneten diesen 9. November 2014. Der fernsehgerecht gestaltete Gottesdienst in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße war für Passanten nicht zugänglich. Die Kirchengemeinden von beiden Seiten des früheren Todesstreifens feierten ohne offizielle Gäste und aufwändige Fernsehtechnik, aber mit tausenden, überwiegend jungen Leuten gemeinsam im Mauerpark. Auch hier: würdige Stimmung. Heiter und dankbar, leise und beschwingt.

Merkel entzündet eine Kerze - doch da stehen schon welche

Nach ihrem Politiker-Gottesdienst stellten Merkel, Wowereit und andere Gäste an der Mauer-Gedenkstätte Kerzen nieder, Zeichen des Gedenkens und des Innehaltens. Kerzen brannten, einige hundert Meter entfernt, schon zehn, zwölf Stunden vorher in den benachbarten Straßen. Auf Bürgersteigen, neben sogenannten Stolpersteinen, die an jüdische Opfer der NS-Zeit erinnern. Heutige Bewohner hatten die Kerzen hier und da aufgestellt. Ein Zeichen dafür, dass die Berliner auch in der Feierfreude der 89er-Revolution die Pogromnacht von 1938 nicht vergessen. Und die anschließende millionenfache Ermordung von Juden.

Ein wunderbares Wochenende zum 25. Jahrestag, das war der 9. November 2014. Ein Tag, an dem sich schlussendlich die leuchtende Mauer auflöste und die Ballons in den Himmel stiegen. Ja, der arbeitsfreie Feiertag der Deutschen ist der 3. Oktober, die Politik hat es so gewollt. Aber die Leute begehen lieber den 9. November, diesen vielschichtigen Schicksalstag des deutschen Volkes - würdig und heiter und ernst.