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Afrika

Kommentar: "Falsche Versprechungen im Kampf gegen Boko Haram"

Kein Waffenstillstand mit Boko Haram, keine Freilassung der Schülerinnen. Stattdessen wurden in Nigeria weitere Mädchen entführt. Die Regierung leistet sich eine weitere Blamage, meint DW-Korrespondent Adrian Kriesch.

Die meisten Nigerianer haben sich vor einer Woche verwundert die Augen gerieben, als sie in die Zeitungen schauten. Da verkündete der oberste Befehlshaber der Streitkräfte, Alex Badeh, einen Waffenstillstand mit der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. Auch die entführten Mädchen aus Chibok würden freigelassen, verkündete Badeh. Das bestätigte auch ein Regierungssprecher kurz darauf. Bereits in wenigen Tagen würden die Schülerinnen von Chibok freigelassen, hieß es aus Regierungskreisen. Kaum ein Nigerianer glaubte den Meldungen. Und tatsächlich: Es passierte nichts. Wie auch in den vergangenen sechs Monaten.

Stattdessen werden schon kurz nach Badehs Ankündigung mehrere Dörfer im Nordosten Nigerias überfallen, Dutzende Frauen und Mädchen nach Augenzeugenberichten von Bewaffneten verschleppt. Militärführung und Regierung stehen erneut blamiert da.

Falsche Informationen, offensichtliche Lügen

Regierung und Militär haben sich im Umgang mit den Entführungen seit Monaten mit wenig Ruhm bekleckert. Kurz nach dem Vorfall im April behauptete das Militär, die Mädchen seien bereits befreit. Eine Lüge, wie sich herausstellte. Bereits zwei Mal verkündete die Armeeführung den Tod von Boko Haram-Anführer Abubakar Shekau. Mehrfach hieß es, der Aufenthaltsort der Mädchen sei bekannt. Viele Nigerianer fragen sich bis heute, warum dann nichts unternommen wurde.

Und jetzt noch die offensichtlich voreilige Verkündung des obersten Befehlshabers der Streitkräfte über eine Waffenruhe mit Boko Haram und die Freilassung der Mädchen. Sie kam für Beobachter völlig überraschend – und mit vielen Fragezeichen. Warum jetzt? Warum wieder keine handfesten Beweise? Warum verkündet zuerst das Militär Verhandlungsergebnisse, nicht die Regierung?

Adrian Kriesch, DW-Korrespondent in Lagos Foto: DW

Adrian Kriesch, DW-Korrespondent in Lagos

Deal mit einem Hochstapler?

Ein vermeintlicher Sprecher von Boko Haram bestätigte den Deal, doch kaum einer hat seinen Namen zuvor gehört. Ob Danladi Amadu tatsächlich ein Vertrauter von Anführer Shekau ist, weiß keiner. Dagegen spricht, dass Amadu die Terrorgruppe in einem Interview selbst als Boko Haram bezeichnet, obwohl sich die Terroristen mittlerweile selbst Jama'atu Ahlis Sunna Lidda'Awati Wal-Jihad (Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad) nennen und immer wieder lokale Medien bedrohen, die stattdessen den Namen Boko Haram verwenden. Die Gruppe gilt außerdem als dezentral-organisiert, ohne klare Ziele. Ein Deal mit einem solchen, selbsternannten Vertreter dürfte also nicht viel wert sein. Aus Sicht der Terrorgruppe macht er ohnehin momentan wenig Sinn. Boko Haram ist stark wie selten zuvor, hat strategisch wichtige Städte im Nord-Osten des Landes unter ihrer Kontrolle.

Wahlkampf statt Chibok-Mädchen

Doch Antworten auf die vielen Fragen findet man weder bei Regierung noch Militär. Interviewanfragen sind für Journalisten eine nervenaufreibende Angelegenheit. Der Sprecher des Militärs wirft internationalen Medien regelmäßig Hetz-Kampagnen und Lügen vor, ist telefonisch aber kaum erreichbar. Der Informationsminister hat diese Woche seinen Job aufgegeben, weil er sich auf den Wahlkampf für einen Posten als Gouverneur vorbereiten will. Und Präsident Goodluck Jonathan? Gerüchten zu Folge hat er jetzt ein Komitee einberufen, das nächste Woche seine Präsidentschaftskandidatur für die Wahlen im Februar 2015 verkünden soll.

Ja, es ist mit Sicherheit eine Mammutaufgabe gegen eine Gruppe wie Boko Haram zu kämpfen, die sich auf einem riesigen Gebiet bewegt. Terroristische Vereinigungen lassen sich nicht von heute auf morgen zerschlagen. Den tausenden Soldaten, die mit meist miserabler Ausrüstung gegen Boko Haram kämpfen, gilt großer Respekt. Doch Regierung und Militärführung müssen endlich die Sorgen ihrer Landsleute ernst nehmen, vernünftig mit ihnen kommunizieren und Rechenschaft über ihre Arbeit ablegen. Halten sie ihre Bevölkerung ernsthaft für so dumm, dass sie erneut auf eine offensichtliche Falschmeldung reinfällt? Oder können Sie es einfach nicht besser?

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