1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Kommentar: Führer suchen Führung in Davos

Das Weltwirtschaftsforum in Davos versteht sich als Treffen der globalen Elite. In diesem Jahr wurde deutlich, wie sehr sich die Führungskräfte selbst nach Führung sehnen, meint Andreas Becker.

Kaum ein Wort taucht in Publikationen des Davoser Weltwirtschaftsforums (WEF) so oft auf wie Führer - meist auf Englisch: leader. Seit 1971 treffen sich hier "leaders" aus Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen, die Nachwuchselite der unter 40-jährigen heißt im WEF-Jargon "Young Global Leaders", und das Motto der ganzen Veranstaltung lautete diesmal "anpassungsfähige und verantwortungsvolle Führung" (responsive and responsible leadership).

Das ehrt alle, die hier teilnehmen - die eingeladenen ebenso wie die zahlenden Gäste. Große Firmen zahlen bis zu 500.000 Euro, um an der Gestaltung des Forums mitzuwirken. Und es stimmt ja auch - viele Teilnehmer führen Unternehmen, internationale Organisationen und Regierungen, und sie nutzen den Aufenthalt in Davos zur Debatte, zum Geschäftemachen, zum Informationsaustausch und zum Netzwerken.

Allerdings war dem Forum in diesem Jahr deutlich anzumerken, wie sehr sich die hier versammelte Führungselite selbst nach Führung sehnt. Oder zumindest nach einer klaren Ansage, nach einer Richtung, nach irgendetwas, nach dem sie sich richten kann. Doch genau das fehlt zurzeit.

Quo vadis, Welt?

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien es, als bliebe nur die Supermacht USA, und als kenne die Welt nur noch eine Richtung: wirtschaftliche Globalisierung und Wettbewerb, freier Handel und möglichst offene Grenzen, zumindest für Waren und Kapital. Das waren immer die Kernbotschaften des WEF.

Becker Andreas Kommentarbild App

Andreas Becker, DW-Wirtschaftsredaktion

Doch spätestens seit 2016 wird dieser Weg zunehmend in Frage gestellt: durch eine unzufriedene Mittelklasse in den Industrieländern, durch populistische Parteien, durch die Wahlerfolge der Brexit-Befürworter in Großbritannien und von Donald Trump in den USA. Seitdem, das war beim WEF deutlich zu spüren, ist unklar, wohin die Reise geht.

Zerfällt die EU? Flüchten sich die USA in den Protektionismus? Naht das Ende für den freien Handel? All diese Fragen wurden in Davos hitzig debattiert. Und auch diese: Wie kann eine gerechtere Globalisierung aussehen, eine, die nicht große Teile der Bevölkerung ausschließt?

Aus Sicht der Armen und Abgehängten in Entwicklungsländern mag es zynisch erscheinen, dass diese Themen erst dann von Bedeutung sind, wenn sie mit der Angst vor Machtverlust in den Industrieländern einhergehen. Selbst der Internationale Währungsfonds, wahrlich keine Wohltätigkeitsorganisation, hat schon vor Jahren vor wachsender Ungleichheit gewarnt - auch beim WEF in Davos. Die Warnung verhallte ohne großes Echo.

Heilsbringer aus China

Dass Chinas Präsident in diesem Jahr wie ein kapitalistischer Heilsbringer gefeiert wurde, ist ein weiterer Beleg für die große Unsicherheit, die die globale Elite erfasst hat. WEF-Gründer Klaus Schwab nannte Xi Jinpings Rede "historisch" und ein gutes Beispiel für "anpassungsfähige und verantwortliche Führung".

Sicher, Xi hat sich deutlich für Freihandel, Klimaschutz und internationale Zusammenarbeit ausgesprochen. Und doch betreibt sein Land seit Jahrzehnten sehr erfolgreich genau das, was man in Davos so verabscheut: Protektionismus. Die chinesische Führung war so klug, ihre Wirtschaft nur langsam der globalen Konkurrenz zu öffnen, noch immer schottet sie einige Branchen ab.

Ob Donald Trump nun für die USA etwas Ähnliches anstrebt, muss sich zeigen. Sicher ist nur, dass sich die größte Volkswirtschaft der Welt ein "Weiter so" nicht mehr leisten kann.

Die Welt wird zunehmend multipolar, mit mehreren, ähnlich starken Machtzentren. Darüber wurde auch in Davos gesprochen. Für die dort versammelte "globale Elite" heißt das aber auch: Die Zeit der Deutungshoheit und Patentrezepte ist vorbei.

Die Redaktion empfiehlt