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Fußball

Kommentar: Es war einmal...

Vom Kultverein zur Lachnummer: Fußball-Zweitligist TSV 1860 München hat lange in seinem eigenen Märchen gespielt, meint DW-Sportredakteurin Sarah Wiertz. Nur ist am Ende nach dem Abstieg eben nicht alles gut.

Es war einmal ein überschuldeter Zweitliga-Klub aus München, der nur reich an Tradition und Fans war. Kurz vor der Pleite kam vor sechs Jahren ein reicher Investor daher und zahlte die nötigen 18 Millionen, damit der Verein weiter am Spielbetrieb teilnehmen konnte. Und fortan träumten alle davon, dem großen Stadtrivalen FC Bayern in Zukunft mindestens ebenbürtig zu sein, und ihn vielleicht einmal besiegen zu können.

So beginnt das moderne Märchen eines der ältesten Fußballklubs Deutschland. Nur edel war der Retter leider nicht. Hasan Ismaik entpuppte sich als glückloser Investor: Statt in der Champions League spielen die "Sechzger" ab der nächsten Saison im Amateurbereich der 4. oder 5. Liga. Und der Jordanier, der mit seiner Investmentfirma HAMG zum ersten jordanischen Milliardär wurde, verschenkte auch nicht sein vieles Geld, sondern kaufte gar mehr Anteile an dem Verein, als es die Deutsche Fußball-Liga erlaubt. Zwar hält Ismaik, um die 50+1-Regel einzuhalten, nur 49 Prozent der Stimmrechte. Im fünfköpfigen Aufsichtsrat sitzen neben Hasan Ismaik aber auch seine beiden Brüder. Klar, wer da das Sagen hat.

Investoren gibt es viele

Das allein erklärt den Absturz noch nicht. Denn auch bei anderen deutschen Fußballklubs, besonders in der 1. Bundesliga, haben sich in den letzten Jahren vermehrt Investoren eingekauft. Ob Dietmar Hopp bei der TSG Hoffenheim, Klaus-Michael Kühne beim Hamburger SV oder auch Dietrich Mateschitz bei Red Bull Leipzig - sie alle sind Investoren und keine reinen Mäzene. Bei anderen Vereinen sitzen die Großsponsoren ebenfalls in den Aufsichtsräten.

Wiertz Sarah Kommentarbild App

DW-Sportredakteurin Sarah Wiertz

Doch die sind allesamt klug genug, sich aus dem sportlichen Geschäft heraus zu halten und Entscheidungen denjenigen zu überlassen, die den deutschen Fußball kennen und verstehen. Nicht so Hasan Ismaik. "Die Zusammenarbeit mit Hasan Ismaik war unmöglich", resümierte beispielsweise Ex-Sportchef Thomas Eichin. Und der ehemalige Präsident Gerhard Mayrhofer gab genervt vom "Kasperltheater" und der "Katzbuckelei" vor Ismaik auf. Der starke Mann im Verein hat nach fast sechs Jahren ebenso viele Präsidien und Sportchefs und noch dazu 13 Trainer verschlissen. Zudem hat der 40-Jährige drei Beinahe-Abstiege und einen Absturz von der zweiten in die vierte oder fünfte Liga zu verantworten. Ein sportliches Armutszeugnis.

Schuld sind immer die anderen

Auch das Image des einst so stolzen Klubs ist arg ramponiert. Damals, in den 1960er-Jahren, als die "Löwen" nicht nur den DFB-Pokal und die Meisterschaft gewannen, sondern auch noch im Finale vor der Rekordkulisse von 100.000 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion West Ham United mit 0:2 unterlagen, war der Verein Kult. Heute ist er kulturlos: Funktionäre von St. Pauli wurden der Tribüne verwiesen, weil sie über ein Tor ihrer Mannschaft jubelten. Das passte der Delegation Ismaiks, die in der Nähe saß, nicht. Redakteure, die kritisch berichten, dürfen nicht mehr auf das Gelände des Vereins. "Der Verein missbraucht das Hausrecht dafür, missliebige Berichterstattung zu unterbinden", so die Geschäftsführerin des Bayerischen Journalisten-Verbandes, Jutta Müller. Und wenn es nicht läuft, sind immer die Anderen Schuld: die Medien, die Vorgänger, die Mitarbeiter, die Schiedsrichter, die Platzbedingungen.

Fahne von 1860 München (picture-alliance/Eibner-Pressefoto)

Einst Kultverein, heute Lachnummer

Fast symbolhaft sind die Pläne des 40-Jährigen: Während 1860 München durch Ismaiks ad-hoc-Handlungen von einer sportlichen Misere zu nächsten taumelt, der Verein ins Chaos stürmt und aus den Negativ-Schlagzeilen nicht raus kommt, träumt der Investor von einem neuen Stadion für 50.000 bis 60.000 Zuschauern und daran angebaut, ein Tiergehege, das sämtliche Löwenrassen der Welt beheimatet. Ihnen wirft er sozusagen seinen eigenen Klub zum Fraß vor.

Schrecken ohne Ende

Grausam. Wie so viele Märchen. Mit einem Unterschied: dieses hier geht nicht gut aus. Denn am Ende düst der Investor keineswegs in seinem Privatjet von dannen. Nein, er bleibt. "Herr Ismaik wird den Klub auch in der 4. oder 5. Liga unterstützten und notwendige Veränderungen vorantreiben" heißt es in einem Statement. Und wenn er nicht gestorben ist, regiert Ismaik den Klub noch immer. Und die Moral von der Geschicht'? Verhökere den Fußball nicht!

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