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Europa

Kommentar: Erschütternde Analyse, bewegende Worte

Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments bekamen vom Papst herbe Kritik am Zustand Europas zu hören. Und doch war seine Rede in Straßburg ein flammender Appell, der Hoffnung weckte, meint Christoph Strack.

Nein, es waren nicht nur die schön anmutenden, verführerisch eingängigen Worte, die man ansonsten von Papst Franziskus gewohnt ist, die man so mag. Das Kirchenoberhaupt vor dem Europäischen Parlament in Straßburg - es mahnte. Drastisch und deutlich.

Franziskus kam dabei von weit her. Er hatte die Perspektive des Lateinamerikaners, auch den Blick der Hilfesuchenden und Verfolgten am Rande Europas. Zur Lebensgeschichte des Jorge Mario Bergoglio, der im vergangenen Jahr Papst Franziskus wurde, gehört, dass seine Eltern auswanderten aus dem alten Kontinent. Seine Großeltern - das war für ihn Europa. Und nun spricht er von der "Impression eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist". Seine Mahnung erinnerte da an manchen seiner Auftritte im innerkirchlichen Milieu: "Wenn es so bleibt, wie es ist, bleibt es nicht. Es muss anders werden, um zu bleiben…." Auch dort treffen seine Worte nicht selten auf eine Mischung von Irritation und Begeisterung.

Herbe Kritik am Zustand des Kontinents

Die Reden des Papstes vor dem Europäischen Parlament und, im Anschluss, vor dem Europarat waren ein Weckruf und nicht nur ein Appell. Europa sei "müde" und "verletzt", "pessimistisch" und "verängstigt", "in sich selbst verkrümmt", es ergehe sich in hemmungslosem "Konsumismus" und pflege eine "Wegwerfkultur". Das war eine geradezu erschütternde Analyse. Dabei, auch daran erinnerte Franziskus, hatte sich Europa bald nach 1945 in einem Geist der Gemeinschaft wie ein Wunder aus Feindschaft, Hass und Zerstörung erhoben.

Christoph Strack Redakteur im DW Hauptstadtstudio

DW-Kirchenexperte Christoph Strack

Als der Präsident des Europäischen Parlaments, der Deutsche Martin Schulz, den Gast zu Beginn mit einigen nachdenklichen Sätzen in deutscher Sprache begrüßte, brauchte Franziskus kein Übersetzungsgerät. Er beherrscht diverse Sprachen der Europäer. Aber versteht er sie? Europäische Abgeordneten aus 28 Ländern hörten ihm zu, die sich im neu gewählten Parlament erst noch zusammenfinden müssen. Der Papst erinnerte sie daran, dass sie nicht für weitere Richtlinien oder allein ihre Abgeordnetendiäten dort sitzen, sondern für die Menschen und für ein mutiges, verantwortungsbewusstes Europa. Gut ein Dutzend Mal unterbrach Beifall die Rede.

Flammender Appell für ein solidarisches Europa

Dass die Worte des Papstes doch zu einer großen Rede wurden, liegt daran, dass Franziskus mit der ihm eigenen Gelassenheit Worte der Hoffnung dominieren ließ. Nein, ausschlaggebend sind keine Einzelthemen: etwa die Offenheit für Flüchtlinge oder das Engagement für alternative Energien. Es ging Franziskus um eine Rückbesinnung auf den Geist des Miteinanders und des Füreinander-Einstehens, aus dem das gemeinsame Europa entstanden sei. "Diese Geschichte ist zum großen Teil erst noch zu schreiben." Seiner ernüchternden Analyse stellte er eine um so klarere "Botschaft der Hoffnung" gegenüber. Als Christ sprach er von der Hoffnung auf Gott, der das Böse in Gutes und den Tod in Leben verwandele. Aber er vereinnahmte da nicht.

Fast hymnisch beschloss Franziskus seine Rede: Nach allen so kritischen Worten zeichnete er das Bild jenes Europa, auf das die Welt warte und auf das gewiss auch dieser Papst wartet, zu dem Europas Politiker pilgern in ihrer Ratlosigkeit. Somit bleibt Franziskus' Rede ein flammender Appell zu Solidarität. Und ein Vorschuss auf ein neues Europa, "ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit".

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