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Nahost

Kommentar: Erdogan sucht Anschluss

Der Besuch von Präsident Erdogan in Teheran ist Teil des türkischen Schlingerkurses zwischen Arabern und Iranern. Von einer überzeugenden regionalpolitischen Vision ist nichts zu sehen, kommentiert Thomas Seibert.

Zuerst schimpft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan über die Machtgelüste des östlichen Nachbarn Iran in der Nahost-Region - um dann nach Teheran zu reisen und harmonische Gespräche mit Staatspräsident Hassan Rohani zu führen. Die Episode ist typisch Erdogan: rhetorisches Donnerwetter, gefolgt von pragmatischem Handeln.

Als lang gedienter Regierungschef war der heutige türkische Präsident maßgeblich an der Isolierung der Türkei in der Region in den vergangenen Jahren beteiligt. Diese Vereinsamung war ungewollte Folge eines ehrgeizigen Projekts. Erdogans islamisch-konservative Regierung begriff den Arabischen Frühling als Chance, den Einfluss der Türkei in der ganzen Weltgegend auszubauen und sich mit den sunnitischen Muslimbrüdern verlässliche Verbündete zu schaffen.

Erdogans Plan misslang

DW Korrespondent Thomas Seibert (Foto: Thomas Seibert)

DW-Korrespondent Thomas Seibert

Der Plan ging gründlich daneben. In Ägypten wurde Erdogan-Partner Mohammed Mursi von den Militärs gestürzt, die Beziehungen zwischen zwei der wichtigsten Länder der Region sind bis heute vergiftet. Da die Muslimbrüder auch den Herrschenden in anderen arabischen Nationen als potenzielle Gefahr für die eigene Macht suspekt sind, entstanden auch Spannungen zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und anderen Akteuren.

Gleichzeitig verschlechterten sich die türkischen Beziehungen zu Israel, dem Irak und Syrien dramatisch. In Ankara höhnten Kritiker, statt den angestrebten Zustand von "Null-Problemen" mit den Nachbarn zu erreichen, wie es der frühere Außenminister und heutige Ministerpräsident Ahmet Davutoglu einst als Parole ausgegeben hatte, sitze die Türkei nun mit "Null Freunden" da. Trotzig sprach ein Erdogan-Berater von einer "ehrenhaften Isolation".

Suche nach einem Ausweg

Im Verhältnis zum Iran blieb die ganz große Krise aus. Doch die traditionelle Rivalität zwischen dem sunnitischen Nato-Land Türkei und dem schiitischen USA-Feind Iran sorgte immer wieder für Streit.

Der Jemen-Konflikt bot für Erdogan kürzlich die Gelegenheit, im sunnitischen Lager verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ankara signalisierte seine Unterstützung für die saudische Militäraktion im Jemen, während Erdogan gegen das angebliche regionale Vormachtstreben des Iran vom Leder zog. In den Golf-Staaten war man zufrieden, doch in Teheran löste Erdogans Kritik so viel Empörung aus, dass über eine Absage seiner Reise in die iranische Hauptstadt diskutiert wurde.

Tayyip Erdogan und Mohammed Mursi (Foto: REUTERS)

Recep Tayyip Erdogan und Ägyptens früherer Staatschef Mohammed Mursi 2012

Gut Wetter in Teheran

Erdogan hielt an seinen Reiseplänen fest und versuchte in Teheran, sich selbst als Vermittler im Jemen-Konflikt ins Gespräch zu bringen. Ihm gehe es nicht um Schiiten und Sunniten, sondern um alle Muslime, sagte er. Auch will sich die Türkei als Partner Teherans empfehlen, falls nach dem kürzlichen Atom-Deal fallende Sanktionen steigende türkische Exporte in den Iran ermöglichen. Dies wiederum könnte der Türkei neue Kritik der sunnitischen Araber einbringen, die ein Erstarken der Iraner fürchten.

Über kurz oder lang dürfte die Türkei deshalb mit ihrem Schlingerkurs zwischen Arabern und Iranern erneut in Schwierigkeiten geraten. In Teheran gut Wetter zu machen, wird auf Dauer nicht reichen. Doch von einer überzeugenden regionalpolitischen Vision der Türkei ist nichts zu sehen.

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