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Europa

Kommentar: Erdogan erweist sich als schlechter Gastgeber

Bundespräsident Gauck ist wegen seiner Kritik an der Türkei heftig attackiert worden. Der türkische Regierungschef Erdogan hat sich im Ton vergriffen - doch auch Gauck muss sich Kritik gefallen lassen, meint Baha Güngör.

Deutsche Welle Türkisch Bahaeddin Güngör

Baha Güngör, Leiter Türkische Redaktion

Gäste sind nach türkischem Selbstverständnis eine Anerkennung Gottes. Darin liegt auch der Ursprung der viel gelobten Gastfreundschaft der Türken. Wenn Gäste gar aus "Almanya", also Deutschland, kommen, handelt es sich traditionell stets um "Freunde". Zu befürchten ist, dass das nicht mehr so bleiben wird. Vielmehr werden sich die Diplomaten beider Seiten auf die Begrenzung des Schadens konzentrieren müssen, den vor allem der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan noch vor dem Rückflug von Bundespräsident Joachim Gauck in den bilateralen Beziehungen angerichtet hat. Jedenfalls erwies sich Erdogan als schlechter Gastgeber.

Mit seinen verbalen Entgleisungen gegen Gauck brachte sich Erdogan um die Chance auf Verständnis für seinen Ärger über die zuvor gemachten Äußerungen des Bundespräsidenten. Gauck dagegen muss sich die Frage gefallen lassen, ob die Kritik nicht doch etwas zu heftig und die Lautstärke zu hoch war. Hätte Gauck seine Kritik an den undemokratischen Zuständen, die ihn an seine Jahrzehnte in der DDR erinnert haben mögen, nicht woanders als vor Studenten einer Elite-Uni in Ankara äußern können? Beispielsweise auf einem der Festessen zu seinen Ehren in Form einer Tischrede?

Wie dem auch sei, der deutsch-türkische Brunnen ist - zumindest vorerst - vergiftet. Erdogans nicht akzeptable Hasstiraden gegen Deutschlands ranghöchsten Staatsvertreter marginalisierten leider die öffentliche Wahrnehmung der feierlichen Eröffnung der deutsch-türkischen Universität in Istanbul. Gauck vorzuwerfen, er glaube, er sei noch ein Priester, grenzt an diplomatische Geschmacklosigkeit.

Es gibt am 24. Mai ein "Rückspiel" in Köln, wenn Erdogan zum 10. Gründungsjahr der seiner Regierungspartei AKP nahestehenden "Union europäisch-türkischer Demokraten" kommt. Geplant ist eine Rede Erdogans vor 18.000 Landsleuten in der Kölnarena. Es ist zu befürchten, dass Erdogan über Werbung für sich als möglichem Präsidentschaftskandidaten hinaus wieder schweres Geschütz gegen Deutschland und seine Politiker auffahren wird.

Was verbleibt, ist die Hoffnung auf überschaubare Folgeschäden auch mit Blick auf das spannungsfreie Zusammenleben von Türken und Deutschen in Deutschland. Diese zerbrechliche Koexistenz hat die schweren Belastungen, die aus den NSU-Morden hervorgegangen sind, noch längst nicht überwunden. Die zwischenmenschlichen Beziehungen dürfen nicht als neues Futter für politische und religiöse Extremisten hier wie dort missbraucht werden.

Auch daran hätte Gauck vielleicht glaubwürdiger denken müssen, bevor er die zweifelsohne berechtigte Kritik an Erdogans diktatorischem Führungsstil ohne gebotene Feinjustierung äußerte. Denn mit Ruhm haben sich Deutschland und die deutschen Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit dem NSU-Wahn und den vielen Pannen nicht bekleckert. Deshalb bleibt Deutschland im verbalen Schlagabtausch mit der Türkei verwundbar.

Ein Ausweg aus der Krise könnte Deutschlands stärkeres Engagement für die Heranführung der Türkei an die EU sein. Ein Abgleichen zeitgenössischer Werte wird nämlich so lange unmöglich bleiben, so lange die Hürden Europas gegen die Türkei nicht verringert werden. Die Demokratiebewegungen, die zivilen Gesellschaftsgruppen und Oppositionelle brauchen diese Unterstützung in ihrem Streben nach einer Türkei ohne Zensur und Willkür.