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Kommentare

Kommentar: Erdogan empört Deutschland mehr als die Türkei

Präsident Erdogan hat die Deutschen mit seinen Aussagen schockiert. In der Türkei ist man an derlei Ausfälle fast schon gewöhnt. Die AKP-Frauen sollten den Präsidenten in die Schranken weisen, meint Seda Serdar.

Mag sein, dass die deutschen Parlamentarier geglaubt haben, die deutsch-türkischen Beziehungen würden sich immer gut weiter entwickeln. Das ein oder andere Schlagloch vielleicht auf dem Weg - aber sonst alles gut. Was seit der Bundestagsresolution zum Völkermord an den Armeniern geschah, sollte nun alle eines besseren belehrt haben. Selbst die größten Skeptiker haben wohl kaum damit gerechnet, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan so weit gehen würde, den türkischstämmigen deutschen Abgeordneten ihre türkischen Wurzeln abzusprechen. Und allen ernstes Blut-Tests von den Parlamentariern zu fordern, die für die Resolution gestimmt haben.

Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Gräuel der Jahre 1915 bis 1923 in der Türkei weiterhin ein hoch emotional besetztes Thema sind, bleiben Erdogans Aussagen inakzeptabel. Andererseits ist das alles nicht wirklich überraschend für jene, die mit Erdogans bisherigen Aussagen vertraut sind. Er glaubt nämlich, das Recht zu haben, all diese Meinungen zu äußern. Jeder, der gegen diese Gedanken aufbegehrt, muss mit Konsequenzen rechnen: vom Verlust des Arbeitsplatzes bis hin zu Inhaftierung. Nun bekommt also auch Europa einen Geschmack davon, was türkische AKP-Kritiker bereits seit mehr als einem Jahrzehnt erdulden müssen. Erdogan wünscht sich, dass er auch die deutschen Abgeordneten mit türkischen Wurzeln steuern kann. Doch dieser Wunsch wird sich nie erfüllen.

Es scheint so, als würde die reaktive Außenpolitik der Türkei zu mehr Spannungen zwischen beiden Ländern führen. Die türkische Regierung muss sich fragen, wie sie künftig mit Fragen umgehen will, bei denen sie eine eigene Sicht der Dinge hat, sie aber gleichzeitig auf internationale Zustimmung angewiesen ist. Hetzreden zu halten, um so zu versuchen, die internationale Gemeinschaft auf den eigenen Kurs zu zwingen, dürfte jedenfalls nicht genug sein.

Warum kränkt man 38 Millionen Menschen?

Präsident Erdogan hat nicht nur international Stirnrunzeln ausgelöst, seine Aussagen über Frauen haben auch in der Türkei Aufruhr ausgelöst. Aber warum will jemand die Hälfte seiner Nation beleidigen? Fast die Hälfte der türkischen Bevölkerung ist weiblich. Dennoch hat sich Erdogan entschieden, rund 38 Millionen Menschen zu kränken, indem er erklärte, dass Frauen, die nicht Mutter seien, als "unvollständig" angesehen werden müssten. Dass einige Frauen Beifall klatschten, als diese unsäglichen Worte von sich gab, ist im Übrigen noch schockierender.

Obwohl es längst bekannt ist, dass Erdogan meint, jede türkische Frau müsse drei Kinder zur Welt bringen, wird diese Aussage der Diskussion über die Rolle der Frau in der Gesellschaft eine neue Qualität geben. Denn nun haben erstmals Frauenverbände protestiert. Doch so wertvoll und notwendig dies ist - es ist nicht genug. Diese archaische Sicht der Dinge muss sich ändern und dafür braucht es die Hilfe der Frauen in der AKP.

Obwohl die Partei betont, sie habe Gesetze auf den Weg gebracht, um die Rechte der Frauen zu stärken und sie vor Gewalt zu schützen, nehmen viele eine ganz andere Realität wahr. Es scheint unmöglich zu sein, die neuen Gesetze mit Leben zu erfüllen, während Tag für Tag eine völlig gegenteilige Gedankenwelt von der Partei- und Staatsführung propagiert wird. So lange sich der Präsident des Landes darin gefällt, den Wert von Frauen alleine anhand ihrer Geburtenrate zu definieren, also eine rein persönliche Entscheidung zur öffentlichen Angelegenheit macht - wie können Frauen da jemals als gleichwertig innerhalb der Gesellschaft betrachtet werden?

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