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Kommentare

Kommentar: Ende eines Patriarchen

Der Rücktritt von Ferdinand Piëch als Chef des VW-Aufsichtsrats ist der Schlusspunkt eines beispiellosen Machtkampfs. Henrik Böhme fragt sich, ob das Unternehmen die Kraft für einen Kulturwandel findet.

Es sind nur wenige Sätze, aber sie zeichnen eine Geschichte nach, die so in der deutschen Wirtschaftsgeschichte ihresgleichen sucht. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn." Damit fing es vor gerade mal zwei Wochen an. Ferdinand Piëch, seines Zeichens Patriarch und im Nebenberuf Aufsichtsratschef des Volkswagen-Konzerns, blies damit zur Attacke gegen Martin Winterkorn. Den hatte Piëch selbst vor sieben Jahren zum Chef des VW-Konzerns gemacht. Zwei Männer, ein Ziel: VW zur Nummer Eins der Welt zu machen. Das ging eine ganze Weile gut, sehr gut sogar. Volkswagen war auf dem besten Weg, dieses Ziel zu erreichen.

Auge in Auge

Deutsche Welle Henrik Böhme Chefredaktion GLOBAL Wirtschaft

Henrik Böhme, DW Wirtschaft

Doch mit der Größe wuchsen die Probleme. Genau das hatte der oberste Aufseher, Piëch eben, im Blick, als er begann, Winterkorn zu attackieren. So hatte er es ja immer gemacht, der Autofanatiker aus Salzburg, wenn ihm ein Manager nicht mehr passte. Doch dann kam der nächste Satz, der alles veränderte: Nach einem Krisentreffen des engsten Führungskreises hieß es, Winterkorn sei der "bestmögliche Vorsitzende des Vorstands für Volkswagen". Ein Nackenschlag für Piëch, ja: eine Palastrevolution. Winterkorn als Sieger. Wirklich? Noch gab sich Piëch nicht geschlagen, er suchte Verbündete, offenbar erfolglos. Denn es folgte der nächste Satz. Nein, er betreibe die Ablösung von Winterkorn nicht.

Lebenswerk zerstört

Längst kamen die Betrachter der Szenerie nicht mehr aus dem Staunen heraus. Es wurde immer deutlicher: Der alte Wolf hatte sich verrannt. Seine Machtinstrumente funktionierten nicht mehr. Ein letztes Krisentreffen am Samstag. Eine Vier-Punkte-Erklärung. Eine Kapitulationsurkunde von Piëch. Die Vertrauensbasis zerstört. Der Rücktritt als Konsequenz. Das Ende einer beispiellosen Geschichte. Für Ferdinand K. Piëch weit mehr als eine Niederlage. Er steht vor den Trümmern seines Lebenswerkes. Volkswagen, Familie, Geld: Diese drei Dinge, in exakt dieser Reihenfolge, seien ihm wichtig im Leben, hat er einmal gesagt. Was man ihm nicht wird nehmen können, ist die grandiose Erfolgsgeschichte, die Volkswagen in den letzten zwei Jahrzehnten geschrieben hat. Mit ihm, Piëch, als Hauptdarsteller. Auf der großen Bühne oder dahinter als Strippenzieher.

Wie weiter bei VW?

Und nun das tragische Ende. Dabei hatte Piëch erkannt, dass der riesige Konzern mit zwölf Marken, 200 Milliarden Euro Umsatz und 600.000 Mitarbeitern dringend eine neue Struktur braucht, mehr noch: Eine neue Unternehmenskultur. Die archaischen Führungsstrukturen, die strikt gezogenen Hierarchie-Linien, ein geschlossenes System: Alles nicht wirklich zeitgemäß. Doch dem ist nicht beizukommen, wenn man selbst als Patriarch über allem thront und solche Probleme mit der Dolchstoß-Methode lösen will.

Die Frage ist nur: Hat der Volkswagen-Konzern die Kraft und die richtigen Leute an der Spitze, um den Kulturwandel einzuleiten? Größe allein ist kein Konzept. Es bleibt abzuwarten, ob der Konzern nach den Turbulenzen der vergangenen Tage wirklich zur Ruhe findet. Die Hauptversammlung in knapp zwei Wochen, sonst eine eher dröge Veranstaltung, wird sicher die spannendste der letzten Jahre.

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